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Tariflohnentwicklung Propaganda und Realität

01.07.08 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

NACHRICHTEN GELESEN MIT DER BRILLE DER MITTELSCHICHT

Letztens sah ich beim "Beruhigungs-Zappen" im Fernsehen noch irgendwo eine Tabelle, dass die diesjährigen Tariflohnerhöhung in fast allen Branchen mehr als zur Gänze durch die offzielle Preissteigerung aufgefressen wird. Und die ist bekanntlich noch schöngerechnet.

Rumms! Ein paar Tage später finde ich dann plötzlich im Internet folgende Artikel zum Thema:

Hohe Abschlüsse im Jahr 2008
Tariflöhne steigen um 4,6 Prozent

Höhere Einkommen
Tariflöhne steigen um bis zu sieben Prozent

Wer hat da nun recht? Meine Gewerkschaft half und legte mir die Tage mit stolz geschwellter Brust einen Infozettel auf den Schreibtisch, dass ich dank deren Verhandlungserfolge ab 01.07. nun 1,7% mehr brutto erhalte. Nur da ich in der höchsten Gehaltsgruppe bin und bluten muss dafür, dass für die niedrigen Entgeld-Gruppen das überhaupt durchgesetzt werden konnte, wird mir so wie die nächsten neun Jahre auch 1% davon -- sozusagen als Solidarbeitrag -- gleich wieder abgezogen. Bleiben 0,7% Lohnerhöhung theoretisch.

Nun lese ich auf den Seiten des MDR , dass mir ab 01.07. der Pflegeversicherungsbeitrag um 0,5% angehoben wird.

Damit bleiben mir satte 0,2% Lohnerhöhung, das macht bei mir netto ungefähr 5 Euro und 76 Cent monatlich, Jippiiie! Meine letzten direkten Verhandlungen um eine Lohnerhöhung mit meinem Arbeitgeber Anfang des Jahres brachten mir ein monatliches Plus von sage und schreibe berauschenden 96 Euro-Cent monatlich, womit ich nun insgesamt stolze netto 6 Euro 72 Cent, das sind ca. 0,24% mehr verdiene.

Bekanntlich liegt die Inflation im Juni in Deutschland bei 3,1% und wird bis Jahresende eher noch bis 4% zulegen. Damit hätte ich dann 2008 mit meinem Arbeitseinkommen einen Kaufkraftverlust von 3,76% erlitten, was bei meinem Gehalt dem Gegenwert von ca. minus 101,25 Euro netto monatlich entspricht, theoretisch.

Da ich über den Regelbeiträgen für Kranken- und Pflegeversicherung liege und ich diese erhöhten Solidarbeiträge dann auch noch versteuern muss, rutsche ich durch die Brutto-Erhöhung nicht-kaufkraftbereinigt von immerhin 0,74% in der Steuertabelle um zehn Stufen höher. Deshalb muss ich nun auf Jahressicht auch noch 60 Euro mehr Steuern zahlen. Hinzu kommen 5,5% Solidaritätszuschlag macht minus 63,30 Euro jährlich. Das sind monatlich ca. 5 Euro 28 Cent Miese.

Damit bleiben mir von meinen von meiner Gewerkschaft und mir hart verhandelten 6 Euro 72 Cent, noch genau 1 Euro 44 Cent monatlich netto also sagenhafte 0,05 Prozent oder 0,5 Promille Lohnerhöhung dieses Jahr, was ziemlich genau einem Kaufkraftverlust in Höhe der offiziellen Inflationsrate von auf Jahressicht voraussichtlich vier Prozent entspricht oder netto minus 108 Euro monatlich.

Manche werden jetzt sagen? Nun bei dem Gehalt, was ist das schon? Aber wenn das ein Achtel des nach Fixkosten zum Leben verfügbaren Einkommens ist, dann kann man sich ausrechnen, dass man in ca. vier Jahren, wenn das so weiter geht, trotz 60 Stunden Arbeitswoche auf Hartz IV-Niveau leben wird, wenn meine Frau weiterhin keine Arbeit findet und das obwohl ich selbst überdurchschnittlich gut verdiene, theoretisch.

Nämlich fast hätte ich noch vergessen, dass ich genau 20 km Arbeitsweg habe. Und mit dem Wegfall der Pendlerpauschale dieses Jahr weitere 396 Euro mehr Steuern werde zahlen müssen, monatlich 33 Euro. Damit bleiben mir netto dieses Jahr minus 31,48 Euro monatlich an nominaler Lohnerhöhung und minus 141 Euro an monatlichem Kaufkraftgewinn. In Prozent sinkt mein Nettolohn 2008 kaufkraftmäßig um 5,22%. So geht es rapide gegen Hartz IV-Niveau obwohl wie gesagt, ich verdiene überdurchschnittlich gut und würde gerne den Binnenmarkt ankurbeln ...

Es gibt dann auch anderslautende Artikel: Inflation frißt Aufschwung

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