Archiv für: Juli 2008, 17

Die hohen Preise und das eigentliche Problem

17.07.08 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Link: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucherpreise100.html

NACHRICHTEN GELESEN MIT DER BRILLE DER MITTELSCHICHT

Offizielle Inflationsrate mittlerweile 3,3%, gefühlte Inflationsrate 12%, die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, also vermutlich bei ca. 7,7%.

Angenommen in Folge würde Ihr Einkommen dieses und nächstes Jahr entsprechend um je 8% erhöht, damit Sie auch weiterhin mit der gleichen Kaufkraft entlohnt werden.

Zusätzlich würde der Staat alle Beträge im Steuerrecht an die mittlerweile eingetretene Kaufkraftentwicklung anpassen und Sie würden dadurch die auf zwei Jahre Sicht vollen 16% Lohnerhöhung nicht nur brutto, sondern auch netto voll zur Verfügung haben.

Und angekoppelt an die Lohnentwicklung würden auch alle Sozialleistungen, Renten etc. an die neue Kaufkraftentwicklung angepasst, so dass Sie entsprechend gestellt werden, auch wenn Sie Rentner, Student oder Hartz-IV-Empfänger sind.

Wo hätten Sie dann noch ein Problem mit den hohen Preisen?

Lassen Sie sich nicht einreden, es gäbe praktische Gründe gegen die genannten Maßnahmen. Der Staat verdient in Wahrheit durch die gegenwärtige Inflation bei allen umsatzbezogenen Steuern schon heute genau das benötigte Geld mehr. In Folge der Umsetzung der oben bezifferten Lohnerhöhungen würde er dieses auch bei der Einkommenssteuer und bei der Sozialversicherung tun, in Summe also bei allen Einnahmen.

Auch eine so genannte Preis-Lohn-Spirale ist kein K.O.-Kriterium dagegen, da diese Spirale wegen des geringen Lohnkostenanteils nach wenigen Jahren sehr schnell zu Ende gekreist hätte.

Und da die Preissteigerungen in den Niedriglohnländern derzeit noch viel mehr eskalieren, da sie eben nicht lohnkostengetrieben, sondern rohstoff- und energiekostengetrieben sind, steigen dort die Löhne notwendig sogar noch viel stärker. Bei den Menschen dort geht es nämlich z.B. hinsichtlich der Lebensmittelpreise um das schiere, nackte Überleben. Die Preise der Produkte aus diesen Ländern steigen in Folge auch bereits an. Diesem Effekt zum Dank stärken die hohen Energie- und Lebensmittelpreise ganz erheblich unsere eigene Stellung im globalen Wettbewerb, ebenso, wie wenn in Folge lohngetriebener zusätzlicher regionaler Inflation unser Euro im Außenverhältnis billiger würde. D.h. auch im wirtschaftlichen und globalen Kontext sind Lohnerhöhungen wie oben gefordert vertretbar.

Unser Problem sind also nicht die hohen Preise. Unsere Wut wird gegenwärtig lediglich von den Medien systematisch auf dieses Abstraktum kanalisiert und „versackgasst“, um die wahren Urheber vor unserem Zorn zu schützen. Dieser Zorn sollte sich richten auf die, die unsere derzeitige „mindestens gefühlten Existenzkrise“ in Wahrheit verursachen:

- Gegen die Gewerkschaften, die nicht einfordern, dass von den dafür zuständigen offiziellen Stellen endlich eine für die Normalverdiener zutreffende Inflationsrate berechnet wird und dass diese wahre Inflationsrate in Folge von den Arbeitgebern durch die jährlichen Lohnerhöhungen ausgeglichen wird.

Viele der derzeit angewandten Inflationsberechnungsprinzipien gelten mittlerweile selbst in Fachkreisen als äußerst fragwürdig. Z.B. weichen die Konsumenten angeblich von sich verteuernden Produkten auf billiger werdende Produkte aus. Doch ich kann mir als Ersatz für teuereres Essen oder Benzin ja nicht zwei Notebooks und zwei PCs kaufen, nur weil diese billiger geworden sind. Vielmehr stelle ich fest, dass ich immer weniger Geld z.B. für die Anschaffung von ständig billiger werdenden Import-Elektronik-Schnick-Schnack übrig habe, da die Dinge, die ich notwendig brauche, so teuer geworden sind. D.h. im Effekt profitiere ich überhaupt gar nicht mehr von den Dingen, die angeblich immer noch billiger werden.

Desweiteren sollte sich unser Zorn gegen folgende eigentliche Problemursachen wenden:

- Gegen beide Tarifparteien, also auch die Arbeitgeber, die in den Lohnverhandlungen offenbar nicht mehr das Ziel verfolgen, mindestens die Kaufkraft der bestehenden Löhne als Besitzstand der Arbeitnehmer anzuerkennen und durch Lohnerhöhungen in erforderlicher Höhe zu erhalten. (Siehe unser Artikel zum jüngsten Tarifabschluss im Einzelhandel)

- Gegen die Politiker, die die Inflation für schleichende staatliche Mehreinnahmen ausnutzen, Steuererhöhungen, die nicht einmal angekündigt und politisch durchgesetzt werden müssen, sondern einfach durch Vernachlässigung der Anpassung bestehenden Rechtes eingeheimst werden. Nur deswegen steht Hr. Steinbrück zur Zeit wie der genialste Bundesfinanzminister aller Zeiten da.

- Gegen die europäische Notenbank, alle Politiker und alle zweifelhaften Wirtschaftsexperten, die im Lande eine Stimmungsmache betreiben gegen die nun notwendigen massiven Lohnerhöhungen zum Zwecke des Kaufkrafterhaltes der Arbeitnehmer.

Stattdessen schimpfen alle Otto-Normal-Bürger wieder und wieder im Chor über die höheren Benzinpreise vor Urlaubsbeginn und über die höheren Preise an der Käsetheke usw. Das ist stupide, uneffektiv, aber gewollt.

Auch gar nicht Wenige glauben der EZB das Märchen von den so genannten „Zweitrundeneffekten“, der sogenannten „Lohn-Preis-Spirale“.

Dagegen ist die wahre Ursache der gegenwärtigen Inflation, dass der größte Anteil der insgesamt vorhandenen Geldmittel immer mehr in den Händen von Leuten ist, die es nicht mehr nötig haben, mit diesen Geldern realwirtschaftlich zu operieren, da sie so viel Geld besitzen, dass es für sie ein echtes Problem darstellt, das in einem Lebensalter noch für irgendetwas Sinnvolles auszugeben. Der "ominöse" Dr. Wo, auf unserer Seite verlinkt, nennt dieses Phänomen „Meudalismus“. Auch wenn ich persönlich diese Darstellung des Problems der Geldakkumulation etwas seltsam finde: In der Sache ist das alles richtig und nachweisbar.

Dieses ist die ursächliche pathologische Anomalie unserer gegenwärtigen Wirtschaftsverfasstheit. Alle anderen Krankheiten sind lediglich Symptome davon. Virulentes Geld könnte ebenso gut eine Deflation auslösen, wenn wie in Japan, die Leute, die damit nichts mehr Sinnvolles anzufangen wissen in Produktionsüberkapazitäten investieren. Letzteres hat den Vorteil, dass es wenigstens Arbeitsplätze schafft und von den Politikern nicht so leicht für verdeckte Steuererhöhungen ausgenutzt werden kann.

Das virulente Geld im Rest der Welt wird nun stattdessen eingesetzt um Rohstoffe denen wegzukaufen, die realwirtschaftliches Interesse an diesen Rohstoffen haben. In Folge steigen die Preise für diese Rohstoffe. Die Spekulanten gewinnen immer weiteres Geld, das in deren Händen sich automatisch wieder in virulentes Geld verwandelt usw.

Mit solchem Geld wird realwirtschaftlich unsinnig gehandelt und die Wirtschaft in Folge durch atypische Kapitalbewegungen geschädigt, am Ende zerstört.

Alles was die Kapital- und Geldakkumulation weiter befördert, beschleunigt auf diese Weise nur weiter den Untergang der heute globalen Realwirtschaft. Alle dazugehörigen Symptome werden so zwangsläufig verschlimmert, egal ob diese nun deflatorische oder wie aktuell inflatorische Züge besitzen.

Kaufkrafterhaltende Lohnerhöhungen verhindern gerade, dass auch über die Realwirtschaft noch mehr Geld von Unten nach Oben umverteilt wird, zu den Kreisen, in denen Geld einen virulenten und destruktiven Charakter annimmt. Aus diesem Grund wirken starke Lohnerhöhungen in der jetzigen Situation dämpfend auf die beginnende Wirtschaftskrise, auch wenn sie die nominale Inflation, dann allerdings ohne Rückwirkung auf die bei den Massen vorhandene Kaufkraft noch etwas ausweiten. Die eine oder andere Null mehr auf unseren Geldscheinen ließe sich später notfalls per Währungsreform wieder wegdefinieren und alles wäre wieder gut. Solange uns die gleiche Kaufkraft erhalten bleibt, können wir die Nullen auf unseren Geldscheinen mit Gelassenheit sehen und später als belanglos einfach wieder wegradieren.

Niedrige Lohnerhöhungen dagegen würden weiteres Geld aus dem Realwirtschaftskreislauf in virulente Kreise überleiten und die Entwicklung weiter Richtung Weltwirtschaftskrise beschleunigen.

Sie können also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Indem Sie bei den nächsten Lohnerhöhungsrunden zusammen mit ihrer Gewerkschaft massive Lohnerhöhungen von 8 bis 16 Prozent verlangen, können Sie nicht nur etwas für die Verbesserung der eigenen finanziellen Lage tun, Sie können damit einen wirksamen Beitrag zur Rettung der gesamten Welt leisten.

Über diesen Artikel können Sie gerne diskutieren und kommentieren in unserem Forum. Dafür besten Dank.

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