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Helden der Deppen (Teil 2)

27.02.10 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir eine ominöse Arbeitgeberorganisation namens IZA kritisiert, die versucht, die Lage der Mittelschicht in Deutschland mit offensichtlich nicht aussagefähigen Statistiken zu beschönigen. Zur gleichen Zeit wachsen in den USA bereits ganze Zeltvorstädte von Obdachlosen mit ehemaligen Angehörigen der dortigen Mittelschicht und Amoklauf ähnliche Vorgänge erschüttern die Öffentlichkeit.

In Deutschland erweist in den letzten Wochen ein FDP-Außenminister namens Guido Westerwelle der Mitte der Gesellschaft einen fürchterlichen Bärendienst, indem er eine aus ganz anderen Gründen längst nicht mehr vorhandene Leistungsgesellschaft beschwört und den euphemistischen Eindruck erweckt, es seien alleine Steuern und Abgaben das Problem dieser Bevölkerungsgruppe und eine „Eifersucht“ gegenüber Menschen, die zu viel Zeit ihrer Tage in Untätigkeit „genießen“ dürfen.

Die richtig guten Reden dazu schaffen es natürlich nicht bis in die Mainstream-Medien:


Die Bundestagsabgeordnete der Partei "Die Linke" Katja Kipping im Februar 2010


Dabei stellt sich auch die neue fatale Lage der Mittelschicht hier in Deutschland bei Weitem komplexer und vor allem auch dramatischer dar. Auch die Geschichte eines Andrew Joseph Stack ist in einigen Punkten durchaus prototypisch für die Probleme hierzulande.

"Wie dem auch sei, an dieser Stelle lernte ich, dass es für jedes Gesetz zwei 'Interpretationen' gibt: eine für die sehr Reichen und eine für den Rest von uns..." Andrew Joseph Stack

Überbordende bürokratische Vorschriften und Gesetze machen am Meisten denen zu schaffen, die sich im Leben engagiert wirtschaftlich oder auch gesellschaftlich betätigen, ohne die kritische Masse z.B. großer Unternehmen zu besitzen, die ganze Abteilungen von Hausjuristen für sich arbeiten lassen können.

"Ich habe der Steuerbehörde nichts angegeben, weil ich dachte, dass dies ohne Einkommen nicht nötig sei. Die [...] Regierung entschied sich, das anders zu sehen. Aber dies haben sie mir nicht rechtzeitig mitgeteilt, um Einspruch erheben zu können, was dazu führte, dass ich diese Berechtigung verlor, als ich letztlich versuchte, beim Gericht Protest einzureichen. Wieder waren 10.000 Dollar für Justiz-Helfer weg."

Und es ist bei Weitem nicht nur der Staat, sondern alle möglichen Arten von Vertragsprodukten werden immer komplizierter, längst nicht mehr nur bei Versicherungen und anderen Finanzdienstleistungsprodukten, sondern diese Methode zieht längst Kreise über die Telekommunikationsdienstleistungen bis hin zu den neuen Stromversorgungsangeboten. Der Mittelschichtangehörige schließt mit seinem völlig unzureichenden Laienverständnis Verträge ab, deren seitenweises Kleingedrucktes von ganzen Abteilungen von Wirtschaftsjuristen großer Konzerne in deren Sinne erdacht wurde. Und wenn sie ihn nicht bekommen, dann kriegen sie seine Kinder mit einer aggressiven Platzierung fragwürdiger bis sinnloser, aber halsabschneiderisch überteuerter Produkte für Jugendliche und selbst ganz Kleine.

Wenn es zu Rechtsstreitigkeiten kommt, dann werden Normalbürger von Rechtsanwälten vertreten, die prozentual an Streitwerten verdienen und ihr größtes Einkommen deshalb mit vermögensstarken Privatleuten oder umsatzstarken Unternehmen machen, mit denen sie es sich sicherlich nicht wegen der Angelegenheiten kleiner Normalbürger verscherzen werden.

"Noch schlimmer war, dass [der Rechtsvertreter] wusste, dass das alles fehlte und ich hatte keine Ahnung davon, bis er es mitten in der Anhörung zur Sprache brachte. Zu dieser Zeit offenbarte sich auf brutalste Art, dass er sich selbst vertrat und nicht mich." Andrew Joseph Stack

Geurteilt wird auf der Basis von Gesetzen, die immer öfter nahezu direkt aus der Feder der Oberschicht-Vermögens- und Wirtschaftsmächtigen stammen und diese bewußt in Vorteil bringen.

"... dass es [...] keinen einzigen Politker gegeben hat, der für irgendetwas gestimmt hat, das mich betrifft oder meine Interessen vertreten hätte. Sie sind auch nicht die Bohne an mir oder dem, was ich zu sagen habe interessiert." Andrew Joseph Stack

Und die Urteile werden gerade in entscheidender Instanz von Richtern gefällt, die sich für gewöhnlich der regionalen Oberschicht zugehörig und verbunden fühlen.

Sind Mittelschichtangehörige doch einmal eine Zeit lang wirtschaftlich erfolgreich, dann werden sie in Vermögensfragen von einer Finanzdienstleistungsbranche beraten, die ihre Provision in Prozenten von Anlagebeträgen verdient und die deshalb offensichtlich geneigt sein muss, die reicheren und reichsten Privatkunden mit „überdurchschnittlichen Anlageerfolgen“ zu „beglücken“ auf Kosten von Verlusten ihrer kleinen Mittelschicht-Kunden. Und es gibt durch die immer intransparentere Konzeption vieler Finanzdienstleistungsprodukte sicherlich mittlerweile mehr als nur 1000 Tricks, dieses auch zuverlässigst so bewerkstelligen zu können. Selbst mancher Lottogewinner war sein Geld, so beraten, beinahe schneller wieder los, als er es gewonnen hatte.

An ihrem Arbeitsplatz hat es die Mittelschicht dann mit Führungskräften zu tun, die aufstiegbewusst notfalls aggressiv die Interessen des Arbeitgebers vertreten und dieser reicht vielfach nur die Interessen vor allem der reichen Anteilseigner und Aktienbesitzer weiter.

"Der Lohn betrug 1/3 von dem, was ich vor dem Zusammenbruch verdient habe, weil das Einkommen hier durch drei der vier großen Firmen in der Region gereinigt wurde, die gemeinsame Sache machten, um die Preise und Gehälter zu drücken..." Andrew Joseph Stack

Die aktuelle Situation der Mittelschicht hinsichtlich Beschäftigungschancen selbst für gut ausgebildete Fachkräfte wurde bereits im ersten Teil des Artikels dargestellt. Die Chancen sinken ab dem 35. Lebensjahr rapide. Viele jedoch haben noch in den letzten fetten Jahren sich von besagter Finanzdienstleistungsbranche zu dem hypothekenfinanzierten Kauf einer eigenen Immobilie hinreißen lassen. Eine nun bereits Jahrzehnte lang anhaltende miserable Regierungspolitik, egal welcher Parteienkoalition, hat den Standort Deutschland aber bereits derartig geschädigt, dass Grundstücks- und Immobilienwerte in vielen Regionen seit Jahrzehnten nicht mehr gestiegen sind.

"In einer Regierung voller Heuchler von oben bis unten ist das Leben so billig wie ihre Lügen und ihre eigennützigen Gesetze." Andrew Joseph Stack

In Kombination der beiden letzten Voraussetzungen steigt deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass das Häuschen oder die Wohnung nicht mehr abbezahlt werden kann, bevor die Situation des unumkehrbaren Jobverlustes unverschuldet, sondern altersbedingt eintritt. Kann kein regelmäßiges Einkommen mehr nachgewiesen werden, verhalten sich die Gläubigerbanken bekanntlich gnadenlos, die Immobilien werden zumeist unter Wert versteigert.

"... junge Familien ihre Häuser verloren und Straße für Straße zugenagelt und die Häuser den reichen Kredit-Firmen überlassen wurden, die Subventionen vom Staat erhielten ..." Andrew Joseph Stack

Man hat gar gerüchteweise bereits von Fällen gehört, in denen Bausparkassen das Darlehen nicht mehr gewähren wollen, weil sich die Sparer bei Fälligkeit zu sehr dem Rentenalter angenähert haben oder von Banken, die die Hauskredite unsicher gewordener Schuldner an Heuschrecken und Hedge-Fonds weiterverkaufen.


Die deutsche Mittelschicht in der Mausefalle
Knut Karnann im Februar 2010


Wohl dem der das Rentenalter heute noch als Arbeitstätiger erreicht. Doch weit gefehlt, wenn ein solcher Mittelschichtangehöriger sich aufgrund dessen nun sicher wähnt. Gerade in Provinzmilieus schlägt nun nicht selten die örtliche Betreuungsmafia zu: Kommt es altersbedingt zu ersten temporären gesundheitlichen Problemen sorgt eben nicht mehr nur in Ausnahmefällen eine lokale Oberschichtbande aus Fachärzten, Richtern und entsprechend spezialisierten mit einer Rechtsanwaltskanzlei niedergelassenen Juristen dafür, dass ungehöriger Weise mit eigenen Vermögenswerten im Ruhestand angekommenen Mittelschichtlern richterlich die Geschäftsfähigkeit abgesprochen wird.

Ein von Juristen, die nicht nur Bundestagsabgeordnete sind, sondern die bei Weitem größte Berufsgruppe im Bundestag stellen, gemachtes Betreuungsgesetz hat dafür Tür und Tor geöffnet:

- Wussten Sie, dass jeder beliebige andere Bürger in diesem Land vor Gericht beantragen kann, dass Ihnen Ihre Geschäftsfähigkeit richterlich aberkannt wird?

- Wussten Sie, dass Sie bereits vor der Feststellung der Geschäftsunfähigkeit wie ein Schwerverbrecher polizeilich gesucht werden können, um einer psychiatrischen Klinik zum mehrtägigen Idiotentest vorgestellt zu werden?

- Und wussten Sie, dass man die Rechtsweggarantie für solche Verfahren faktisch in diesem Land abgeschafft hat, weil Sie, einmal von einer Gerichtsinstanz für geschäftsunfähig erklärt, keine Grundlage mehr haben, eine Klage oder ein Berufungsverfahren für sich zu beantragen und auch niemand Anderes, nicht einmal ein nächster Angehöriger berechtigt ist, das für Sie zu tun?

"ich entscheide, dass ich nicht ignoriere, was um mich herum geschieht, ich entscheide, nicht so zu tun, als würde alles weiterlaufen wie immer" Andrew Joseph Stack

Wenn Ihr richterlich wegen Ihrer Geschäftsunfähigkeit bestellter Vormund einfach nur „Nein“ sagt, dann sitzen Sie ein für alle Mal in weitgehender Rechtlosigkeit fest! Und wenn es, wie oft in provinziellen Verhältnissen für Sie ungünstig kommt, gehört der richterlich bestellte Betreuer der regionalen Betreuungsmafia an und sorgt dafür, dass Ihr Vermögen höchst legal (oder besser dank guter Kontakte mindestens unverfolgt illegal) in die Taschen dieser Kreise umgelenkt, um nicht zu sagen unterschlagen wird, noch bevor Sie tatsächlich pflegebedürftig werden oder es ihren Kindern vererben können.

"... dass es für mich gesünder sei, (wie sie) Katzenfutter zu essen, anstatt zu versuchen, meine Inhaltsstoffe allein aus Erdnußbutter und Brot zu ziehen." Andrew Joseph Stack

Schlecht für den Nachwuchs der Mittelschicht, denn der durfte bereits eine von einer ebenfalls Jahrzehnte langen miserablen Bildungspolitik von Regierungen entgegen aller politischen Beteuerungen in Sonntagsreden gleich welcher Parteienkonstellation keine so gute Bildung mehr genießen wie es noch die Eltern durften.

"Zum ersten mal wurde mir klar, dass ich in einem Land lebe, dessen Ideologie auf einer kompletten Lüge basiert." Andrew Joseph Stack

Und nach Abschluss dieser "Verunbildung" erhalten diese jungen Menschen oftmals über Jahre (manchmal, nach einem Studium bis zum Alter von 35 Jahren und länger) nur noch prekäre, befristete Arbeitsverträge mit miserablen und deshalb ebenfalls prekären Arbeitsentgelten.

"Ich war wahrlich entsetzt, als wir Geschichten austauschten und uns gegenseitig um unsere Situationen bemitleideten" Andrew Joseph Stack

Man stelle sich das vor: Bis 35 keinen ordentlichen und fair entgoltenen Arbeitsvertrag und ab 35 dann zunehmend von vielleicht endgültiger Arbeitslosigkeit bedroht und zu erben gibt es nicht mehr, weil bei den Eltern die Provinzmafia mit dem Betreuungsgesetz zugeschlagen hat.

"Ich kann nur hoffen […] dass die Amerikanischen Zombies aufwachen und revoltieren; das ist nötig" Andrew Joseph Stack

Wir reden hier wohl gemerkt von Deutschland, nicht von den USA. Während die Erben der Oberschicht um jedes Prozent Erbschaftssteuer weinen und die Politiker erfolgreich um sukzessive Abschaffung derselben drängen, werden Mittelschichterben auf diese Weise immer öfter um ihr gesamtes Erbe betrogen, man könnte auch sagen 100 % Erbschaftssteuer, aber nicht für Schulen und Kindergärten, sondern für Villen und Swimming Pools von reichen Rechtsanwälten und Fachärzten.

"Ironischerweise kam die Regierung nach ihren Entscheidungen an, um den Fluggesellschaften mit Milliarden von unseren Steuergeldern zu helfen... wie gewöhnlich ließen sie mich zum verrotten und sterben zurück, während sie ihren reichen, inkompetenten Spießgesellen aus der Klemme helfen ... " Andrew Joseph Stack

Was sind gegen all solche Bedrohungslagen noch gewisse Belastungen mit Steuern und Sozialabgaben, sozial Bedürftige, die sich und ihre Kinder wenigstens vollwertig ernähren wollen? Leute wie Herr Westerwelle hetzen doch längst fern ab jeglicher Kenntnis von der wahren Lebensrealität der Normalbürger in diesem Lande. Die Mittelschicht dieser Tage würde himmelhoch jauchzen, nur zu hohe Steuern und Abgaben zur Sorge zu haben.

Das wahre Problem ist ein Anderes: Die Mittelschicht dieser Zeit ist von „Fressfeinden“ förmlich umstellt. Die Chancen von Mittelschichtfamilien innerhalb einer Generation ihr Vermögen zu mehren, gehen damit für viele trotz ehrlicher Bemühungen gegen Null, auch wenn es die Meisten noch nicht gemerkt haben.

Und Schuld daran sind gewiss nicht die Hartz IV Empfänger, denn in einer Gesellschaft, in der nicht genug Arbeit da ist, werden immer die Einen oder Anderen ohne Arbeit sein. Die wirklich gefährlichen "Fressfeinde" kommen alle aus Wirtschaft und Oberschicht und der diesen beiden Gruppen gegenüber immer willfährigeren etablierten Parteienpolitik von FDP, SPD, CDU, CSU und Bündnis 90/Die Grünen.

Die neoliberalen Medien haben in einem Punkt ihrer Reaktion auf Westerwelles Ausfälle Recht: Dieses Land braucht eine Missbrauch-Debatte. Doch wenn dabei die Prioritäten beachtet werden sollen, geht es dabei bei Weitem nicht um den Missbrauch von Sozialbeihilfen, sondern um den Missbrauch, den unsere Wirtschafts- und Vermögensmächtigen mit unserem politischen System betreiben. Korrupte, wirtschafts- und steuerkriminelle Verhältnisse, von denen unser Land nicht mehr weit entfernt ist, haben aktuell, nach Island, auch Griechenland nahezu der eigenstaatlichen Souveränität beraubt. Dieses muss deshalb doch auch uns mahnen!

"... während sie ihren reichen, inkompetenten Spießgesellen aus der Klemme helfen MIT MEINEM STEUERGELD" Andrew Joseph Stack

Wie lange hält es ein Land aus, wie lange hält es eine Nation aus, wenn Wirtschafts- und Vermögensmächtige ihre Macht dazu einsetzen, dass die staatlichen Spielregeln, die Gesetze, so gemacht werden, dass sie sich immer weiter und immer schneller selbst bereichern können, nicht mit ein paar zig bis hunderten Euro, sondern mit zig bis hunderten Milliarden Euro zu Lasten des Gemeinwesens und vor allem eben besagter Mittelschicht, aber eben auch der ganz Armen?

Wie lange hält es eine Demokratie aus, wenn diese Reichen dadurch immer noch mächtiger werden und immer effektiver darin, alle gesetzlichen Spielregeln nur noch zu ihrem eigenen unfairen Vorteil zu gestalten?

Die Mittelschicht lebt immer noch im Geiste und im Glauben fairer Wettbewerbsverhältnisse im guten Sinn von Leistungsgesellschaft. Doch wer die heutigen Verlierer als Verlierer eines solchen produktiven Wettbewerbes ansieht, der in vielerlei Hinsicht längst durch eine brutalo-anarchische, Regeln und Anstand entbehrende Situation ersetzt ist, tut nicht nur diesen Verlierern unrecht, sondern er übersieht die existenzielle Gefahr, der auch seine Familie und er selbst längst ausgesetzt ist.

"Es war immer nur ein Irrglaube, dass die Menschen für ihre Freiheit in diesem Land nicht mehr sterben" Andrew Joseph Stack

Konkurrenz und Wettbewerbsdenken und sei es im „guten“ Sinne, hat die Mittelschicht über die Jahrzehnte auch unfähig gemacht, sich für die eigenen Interessen zu solidarisieren und gemeinschaftlich einzusetzen.

Das traf auch auf Joe Stack selbst zu. Dass Einzelne für die Gerechtigkeit oder nur ihr Recht Streitende nicht erfolgreich sind, ist schon aus Gründen der gebotenen Effizienz sozialer und politischer Systeme so und nicht notwendig in der Machtwillkür von Institutionen begründet, wenngleich heute Letzteres oft ein Übriges tut.

Joe Stack war in dieser Hinsicht sicherlich in seinen Fähigkeiten gehandicapt. Aber wie viele Mittelschichtler sind dieses heute in gleicher oder ähnlicher oder gar viel schlimmerer Weise ganz genau so? Wie sehr war gerade auch die Passivität der großen Mehrheit der anderen Mittelschichtangehörigen, die Opfer der gleichen ungerechten Gesetze waren, gegen die Joe Stack aufbegehrte, mit daran Schuld, dass er mit seinen Anstrengungen scheiterte? Wieviel Mitverantwortung tragen wir abstrakt gesehen durch entsprechendes Verhalten alle an seinem Tod, an seiner Tat und weiteren ähnlichen, die folgen werden?

"Ich verbrachte endlose Stunden auf den Straßen von L.A. auf dem Weg zu Veranstaltungen und all' diesen unorganisierten professionellen Gruppierungen, die versuchten, eine Kampagne gegen diese Grausamkeit aufzuziehen." Andrew Joseph Stack


Andrew Joseph Stack hatte in Marvin John Heemeyer bereits einen Vorgänger


Am Ende tat Joe Stack das Größte, was ihm aufgrund seiner beschränkten sozialen Fähigkeiten (die jedoch nicht beschränkter waren, als die politischen Fähigkeiten der meisten Angehörigen der Mittelschichten in den Ländern der westlichen Zivilisation) möglich war und mindestens das ehrt ihn, denn wie Viele tun nicht einmal das Kleinste was Ihnen möglich ist?

Wer wehrt sich z.B. in der deutschen Mittelschicht dagegen, dass die Politik vor allem die durchschnittlich und leicht überdurchschnittlich verdienenden und abhängig beschäftigten Menschen zu Beginn dieses Jahres größtenteils wieder um den Vorteil beraubt haben, der ihnen vor dem Bundesverfassungsgericht mit der Anrechenbarkeit der Krankenversicherung, für die sie ja aus solidarischen Gründen höhere Beiträge zahlen, erstritten wurde? In einer meiner Ansicht und der Ansicht vieler Juristen nach erneut verfassungswidrigen und im Übrigen wieder völlig überbürokratisierten Umsetzung hat man die Abzugsfähigkeit anderer Versicherungen ebenfalls ab diesem Jahr beschränkt, die aber im Sinne dieses Urteils ebenfalls zur Grundsicherung gehören, was deshalb aus den gleichen Gründen offensichtlich verfassungswidrig ist. Wer wehrt sich dagegen, dass wir von unseren Politikern, die nach der Verfassung wie Bundestag und Bundesrat als Gremium an Recht und Gesetz gebunden sind, mit bewusst verfassungswidrigen Gesetzen geschröpft werden nach dem Motto: Bis ein neues Verfahren durch ist, das dauert ja sicherlich ein paar Jahre und wenn das korrigiert werden muss, machen wir eben das nächste verfassungswidrige Gesetz, um das wieder auszugleichen ...

Wie viele in der Mittelschicht wählen weiterhin ausgerechnet aus Bewahrungsinstinkten und gewiss auch aus antisozialistischer Tradition fataler Weise gerade diejenigen Politiker und politischen Parteien, die heute die gefährlichsten und fanatischsten Zerstörer ihres eigenen Paradieses sind?


Christian Springer (alias Fonsi) im Februar 2010


>>Zurück zu Teil 1 dieses Artikels


Hinweise in eigener Sache: Das Kopieren und Weiterverbreiten dieses Artikels unverändert und mit Quellenverweis ist gemäß General Network User License (GNU) absolut erwünscht. Die Zitate von Andrew Joe Stack sind einer deutschen Übersetzung seines Testamentes auf dem Blog "Alles Schall und Rauch" übernommen.

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Helden der Deppen (Teil 1)

20.02.10 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Während man die Lage der Mittelschicht in deutschen Medien nun schön zu reden versucht, bekommt die Mittelschicht in den USA mit dem Software-Ingenieur Joe Stack einen ersten Märtyrer.

“Die Mittelschicht muss sich offenbar nicht sorgen: Laut einer Untersuchung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, ist die Furcht vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit weitgehend unbegründet.“ Claus Hulverscheidt, Süddeutsche Zeitung 18.02.2010

“Ich weiß, dass ich kaum der erste sein werde, der entschieden hat, dass er alles erlebt hat, was er ertragen kann.“, Andrew Joseph Stack

Der zum Nachdenken erwachenden Mittelschicht hält man nun also geschönte Statistiken vor das Gesicht, um sie zur Zurückhaltung zu schrecken, wie der Exorzist dem angeblich Besessenen das Kruzifix.

Dahinter steckt eine Initiative, die von NACHDENKSEITEN.DE so charakterisiet wird:

Nachdenkseiten.de am 19.02.2010 über das IZA: “Das Institut zur Zukunft der Arbeit ist ein Arbeitgeber-dominierter Lobby-Think-Tank voller einschlägiger Politiker/innen, Arbeitgeber-Lobbyisten/innen und Aktivisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Der berüchtigte Arbeitsmarktpolitik-Direktor Hilmar Schneider wollte sogar mal Arbeitslose versteigern lassen, um die Kosten für Sozialausgaben gegen zu finanzieren. Wenn solche „Studien“ aus dieser Ecke kommen, kann das eigentlich nur unseriös sein.“

Zum Glück brachte das ARD-Magazin Plusminus (siehe „Wie die Mittelschicht durchgereicht wird“ und Originalbeitrag auf der ARD-Seite von Plusminus) zwei Tage vorher einen Bericht darüber, wie es abstürzenden Mittelschichtlern heute tatsächlich geht:

Wer einen gut bezahlten Arbeitsplatz verliert, hat je nach Alter nach ein bis zwei Jahren Arbeitslosengeld nicht einmal Anspruch auf Hartz IV. Keine Arbeitsvermittlung ist für ihn mehr zuständig! Er muss sich erst selbst kahl zahlen, sofern er nicht eine darlehensfinanzierte Immobilie besitzt und er von den Banken kahl gepfändet wird. Aber auch dieser entwürdigende Prozess dauert bekanntlich Monate bis Jahre und die Meisten der Betroffenen dürften heute noch gar nicht in Hartz IV angekommen sein.

Um bis dahin wieder in die Arbeitsvermittlung zu gelangen, wird dann jeder noch so gering bezahlte Job angenommen.

"Ich bin durchgefallen und muss mich momentan mit irgendwelchen billigen Jobs über Wasser halten, damit ich wieder in Arbeitslosengeld 1 komme. Damit ich wieder ins Sozialsystem Einzug habe.“ Albrecht Wetzel aus dem Odenwald, 55 Jahre alt, technischer Zeichner, arbeitslos, so zitiert von PLUSMINUS am 16.02.2010

Mittelschichtlerinnen und Mittelschichtlern steht also bereits vor Hartz IV eine sehr lange, schmerzliche Odyssee des Absturzes bevor, während der sie sich bereits zur Annahme von Dumpinglohn-Jobs gezwungen sehen.

Die Höhe des letzten Monatslohnes vor Beginn der Hartz IV-Bezüge nach abgeschlossener Kahlverausgabung oder Kahlpfändung kann also offenbar nicht als Indikator herangezogen werden, ob ein Harzt IV-Bezieher aus der Mittelschicht stammt.

Die "Forschung" könnte den Malus leicht beheben, indem die Hartz IV-Bezieher (und die Gruppe der aus dem ALG I gefallenen, aber noch nicht in Hartz IV angekommenen Arbeitslosen) nach dem höchsten Monatseinkommen gefragt werden, das sie je in ihrem vorigen Arbeitsleben erreicht hatten. Das will ein fragwürdiges Institut wie die IZA aber natürlich nicht. Die Statistik wird methodisch so durchgeführt, dass das zuvor gewünschte Ergebnis herauskommt.

„Der grausame Witz ist, dass die [...] an der Spitze das die ganze Zeit gewusst und gelacht haben und dieses Wissen gegen Menschen wie mich benutzt haben.“ Andrew Joseph Stack

Die Mittelschicht kennt IHRE Statistiken, das was Personalberater Ihnen in ihrer eigenen Firma erzählen:

„Die Chancen für eine qualifizierte Fachkraft in Deutschland wieder einen Job zu finden sind bis zu einem Alter von 34 Jahren gut, bis zu einem Alter von 39 mittelmäßig, bis 44 schlecht und ab einem Alter von mindestens 45 Jahren aussichtslos.“

Was also bitte sollte mit Mittelschicht-Familien, bei denen der über 44-jährige Versorger arbeitslos wird, Anderes passieren, als der Absturz?

Im Heimatland der Versicherungen kann man sich gegen jedes noch so absurde Risiko versichern. Aber eine Versicherung gegen die Hauptangst der Arbeitslosigkeit, war in der Epoche seit der Regierung Gerhard Schröder auf einmal nicht mehr gewünscht, weil man die dadurch entstehende Angst der Menschen ausnutzen kann, Löhne zu drücken.

Natürlich ist eine Arbeitslosenvollversicherung auch weiterhin finanzierbar. Nachstehende Tabelle zeigt, welchen Prozentanteil vom Lohn wir bei einer jeweiligen langjährigen Durchschnittsarbeitslosigkeit als Arbeitslosenversicherungsbeitrag abführen müssten:


Die Not ist also künstlich von den Politikern gemacht, die schwören, dass sie Schaden vom Deutschen Volke abwenden: Zeile 4 und 5 zeigen die vernünftige Politik bis zur Wiedervereinigung. Die bis dahin gegebene langfristig durchschnittliche Arbeitslosigkeit in Deutschland (West) wurde mit einem Sicherheitspuffer von 1% abgesichert. Natürlich muss vernünftige Politik die Absicherung höher ansetzen als den geltenden langjährigen Durchschnitt.

Anstatt nun auch die seit der Wiedervereinigung erhöhte langfristige Durchschnittsarbeitslosigkeit durch eine Erhöhung der ALV-Beiträge abzusichern (s. Zeile 6), was durchaus rechnerisch realisierbar gewesen wäre (s. Zeile 7-9) hat die große Koalition, wohlgemerkt unter unserer "guten, angeblich gar sozialdemokratisch gefärbten Kanzlerin" Angela Merkel, nun aber stattdessen die Absicherung (s. Zeile 3 bis 1) immer weiter demontiert weit unter die Werte selbst der ehemaligen Bundesrepublik West und erst recht des wiedervereinigten Deutschlands.

Zeile 8 zeigt, dass durch die hohen Produktivitätszuwächse durch die intensive Rationalisierung (z.B. mit Informationstechnologie), die gerade in den letzten Jahren erfolgte, mittlerweile wahrscheinlich sogar weit höhere Prozentsätze an Arbeitslosigkeit absicherbar sind als die in der Tabelle angegebenen langfristig durchschnittlichen 14%.

Durch diese Verabschiedung von der Absicherungspolitik, mit der Einführung von Hartz IV und bereits durch die Ankündigung dieser Politik hat man einen Notstand eröffnet, der dazu führte, dass die Reallöhne in Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarn soweit zurück gingen, dass man alleine davon sogar eine langfristige durchschnittliche Arbeitslosigkeit von sage und schreibe 22% in ganz Deutschland hätte mit einer Vollversicherung absichern können (siehe Zeile 8: ursprünglicher ALV-Beitrag 6,4% plus die 22% Reallohnverlust, die die deutschen Arbeitnehmer seit Beginn der Diskussion der Agenda 2010 durch schwache Tarifabschlüsse und höhere individuelle Nachgiebigkeit gegenüber Arbeitgebern im europäischen Vergleich verloren haben, Quelle: NACHDENKSEITEN.DE, ergibt ca. 28,4%). Das ist Geld, das die Menschen nun auch nicht haben, da die Arbeitgeber es stattdessen in die eigene Tasche bzw. die Taschen ihrer Anteilseigner fließen lassen.

“Das Kapitalisten-Credo: Von jedem entsprechend seiner Leichtgläubigkeit, an jeden entsprechend seiner Gier.“ Andrew Joseph Stack

Der Software Ingenieur Andrew Joseph Stack hat sich vorgestern, am 18.02.2010 in Austin, Texas um 9:30 Uhr Ortszeit mit einem Kleinflugzeug in das Bürogebäude der örtlichen Steuerbehörde gelenkt.

Dieser Artikel zur aktuellen Lage der Mittelschicht bedarf also schon bald einer Fortsetzung. Ist die Lage der Mittelschicht in den westlichen Ländern nun derart dramatisch, dass sie Menschen zu solchen Taten treibt? Dass die Sorgen der Mittelschicht unbegründet sind, wie die IZA nachweisen will, kann offenbar jedenfalls nicht sein.

In Teil 2 werden wir zeigen, dass die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit nur einer von vielen Drücken ist, der die Mittelschicht noch vor dem Lebensabend der heute noch Arbeitstätigen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verarmt und enteignet haben wird. Sie sollten der Gefahr ins Auge sehen und sich fragen, ob es denn sinnvoll ist, sich wie ein Hamster ausschließlich auf den Job zu konzentrieren, während Andere Sie auf der politischen Seite immer weiter ausnehmen, bis Ihnen von all Ihren Bemühungen nichts mehr bleiben wird. Oder ist es langsam Zeit sich endlich auch politisch zu engagieren?

Und so schließen wir diesen ersten Teil des Artikels auch mit einem Zitat unseres neuen wahren „Helden der Deppen“ (Westerwelle wird zwar mittlerweile auch so genannt ist aber nur ein populistischer Imitant und Täuscher der Wissenden [siehe video vom BR, Quer, 18.02.2010] ). Joe Stack, der neue Märtyrer-Typus aus und für die Mittelschicht, wenngleich wir bedauern, dass bei seiner spektakulären Selbsttötung Dritte zu Schaden kamen:

„Ich habe einmal gelesen, dass es die Definition von Wahnsinn ist, einen Prozess immerzu zu wiederholen und dabei zu erwarten, dass das Ergebnis ein anderes sein wird.“ Andrew Joseph Stack

Politisch weiter still zu halten und alle vier Jahre eine oder zwei Parteien aus dem Block für systematische und niemals endende Lohnsenkungspolitik, gebildet aus SPD, Die Grünen/Bündnis90, FDP, CDU, CSU, zu wählen, ist nichts Anderes!

>> zu Teil 2 dieses Artikels


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