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Helden der Deppen (Teil 1)

20.02.10 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Während man die Lage der Mittelschicht in deutschen Medien nun schön zu reden versucht, bekommt die Mittelschicht in den USA mit dem Software-Ingenieur Joe Stack einen ersten Märtyrer.

“Die Mittelschicht muss sich offenbar nicht sorgen: Laut einer Untersuchung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, ist die Furcht vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit weitgehend unbegründet.“ Claus Hulverscheidt, Süddeutsche Zeitung 18.02.2010

“Ich weiß, dass ich kaum der erste sein werde, der entschieden hat, dass er alles erlebt hat, was er ertragen kann.“, Andrew Joseph Stack

Der zum Nachdenken erwachenden Mittelschicht hält man nun also geschönte Statistiken vor das Gesicht, um sie zur Zurückhaltung zu schrecken, wie der Exorzist dem angeblich Besessenen das Kruzifix.

Dahinter steckt eine Initiative, die von NACHDENKSEITEN.DE so charakterisiet wird:

Nachdenkseiten.de am 19.02.2010 über das IZA: “Das Institut zur Zukunft der Arbeit ist ein Arbeitgeber-dominierter Lobby-Think-Tank voller einschlägiger Politiker/innen, Arbeitgeber-Lobbyisten/innen und Aktivisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Der berüchtigte Arbeitsmarktpolitik-Direktor Hilmar Schneider wollte sogar mal Arbeitslose versteigern lassen, um die Kosten für Sozialausgaben gegen zu finanzieren. Wenn solche „Studien“ aus dieser Ecke kommen, kann das eigentlich nur unseriös sein.“

Zum Glück brachte das ARD-Magazin Plusminus (siehe „Wie die Mittelschicht durchgereicht wird“ und Originalbeitrag auf der ARD-Seite von Plusminus) zwei Tage vorher einen Bericht darüber, wie es abstürzenden Mittelschichtlern heute tatsächlich geht:

Wer einen gut bezahlten Arbeitsplatz verliert, hat je nach Alter nach ein bis zwei Jahren Arbeitslosengeld nicht einmal Anspruch auf Hartz IV. Keine Arbeitsvermittlung ist für ihn mehr zuständig! Er muss sich erst selbst kahl zahlen, sofern er nicht eine darlehensfinanzierte Immobilie besitzt und er von den Banken kahl gepfändet wird. Aber auch dieser entwürdigende Prozess dauert bekanntlich Monate bis Jahre und die Meisten der Betroffenen dürften heute noch gar nicht in Hartz IV angekommen sein.

Um bis dahin wieder in die Arbeitsvermittlung zu gelangen, wird dann jeder noch so gering bezahlte Job angenommen.

"Ich bin durchgefallen und muss mich momentan mit irgendwelchen billigen Jobs über Wasser halten, damit ich wieder in Arbeitslosengeld 1 komme. Damit ich wieder ins Sozialsystem Einzug habe.“ Albrecht Wetzel aus dem Odenwald, 55 Jahre alt, technischer Zeichner, arbeitslos, so zitiert von PLUSMINUS am 16.02.2010

Mittelschichtlerinnen und Mittelschichtlern steht also bereits vor Hartz IV eine sehr lange, schmerzliche Odyssee des Absturzes bevor, während der sie sich bereits zur Annahme von Dumpinglohn-Jobs gezwungen sehen.

Die Höhe des letzten Monatslohnes vor Beginn der Hartz IV-Bezüge nach abgeschlossener Kahlverausgabung oder Kahlpfändung kann also offenbar nicht als Indikator herangezogen werden, ob ein Harzt IV-Bezieher aus der Mittelschicht stammt.

Die "Forschung" könnte den Malus leicht beheben, indem die Hartz IV-Bezieher (und die Gruppe der aus dem ALG I gefallenen, aber noch nicht in Hartz IV angekommenen Arbeitslosen) nach dem höchsten Monatseinkommen gefragt werden, das sie je in ihrem vorigen Arbeitsleben erreicht hatten. Das will ein fragwürdiges Institut wie die IZA aber natürlich nicht. Die Statistik wird methodisch so durchgeführt, dass das zuvor gewünschte Ergebnis herauskommt.

„Der grausame Witz ist, dass die [...] an der Spitze das die ganze Zeit gewusst und gelacht haben und dieses Wissen gegen Menschen wie mich benutzt haben.“ Andrew Joseph Stack

Die Mittelschicht kennt IHRE Statistiken, das was Personalberater Ihnen in ihrer eigenen Firma erzählen:

„Die Chancen für eine qualifizierte Fachkraft in Deutschland wieder einen Job zu finden sind bis zu einem Alter von 34 Jahren gut, bis zu einem Alter von 39 mittelmäßig, bis 44 schlecht und ab einem Alter von mindestens 45 Jahren aussichtslos.“

Was also bitte sollte mit Mittelschicht-Familien, bei denen der über 44-jährige Versorger arbeitslos wird, Anderes passieren, als der Absturz?

Im Heimatland der Versicherungen kann man sich gegen jedes noch so absurde Risiko versichern. Aber eine Versicherung gegen die Hauptangst der Arbeitslosigkeit, war in der Epoche seit der Regierung Gerhard Schröder auf einmal nicht mehr gewünscht, weil man die dadurch entstehende Angst der Menschen ausnutzen kann, Löhne zu drücken.

Natürlich ist eine Arbeitslosenvollversicherung auch weiterhin finanzierbar. Nachstehende Tabelle zeigt, welchen Prozentanteil vom Lohn wir bei einer jeweiligen langjährigen Durchschnittsarbeitslosigkeit als Arbeitslosenversicherungsbeitrag abführen müssten:


Die Not ist also künstlich von den Politikern gemacht, die schwören, dass sie Schaden vom Deutschen Volke abwenden: Zeile 4 und 5 zeigen die vernünftige Politik bis zur Wiedervereinigung. Die bis dahin gegebene langfristig durchschnittliche Arbeitslosigkeit in Deutschland (West) wurde mit einem Sicherheitspuffer von 1% abgesichert. Natürlich muss vernünftige Politik die Absicherung höher ansetzen als den geltenden langjährigen Durchschnitt.

Anstatt nun auch die seit der Wiedervereinigung erhöhte langfristige Durchschnittsarbeitslosigkeit durch eine Erhöhung der ALV-Beiträge abzusichern (s. Zeile 6), was durchaus rechnerisch realisierbar gewesen wäre (s. Zeile 7-9) hat die große Koalition, wohlgemerkt unter unserer "guten, angeblich gar sozialdemokratisch gefärbten Kanzlerin" Angela Merkel, nun aber stattdessen die Absicherung (s. Zeile 3 bis 1) immer weiter demontiert weit unter die Werte selbst der ehemaligen Bundesrepublik West und erst recht des wiedervereinigten Deutschlands.

Zeile 8 zeigt, dass durch die hohen Produktivitätszuwächse durch die intensive Rationalisierung (z.B. mit Informationstechnologie), die gerade in den letzten Jahren erfolgte, mittlerweile wahrscheinlich sogar weit höhere Prozentsätze an Arbeitslosigkeit absicherbar sind als die in der Tabelle angegebenen langfristig durchschnittlichen 14%.

Durch diese Verabschiedung von der Absicherungspolitik, mit der Einführung von Hartz IV und bereits durch die Ankündigung dieser Politik hat man einen Notstand eröffnet, der dazu führte, dass die Reallöhne in Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarn soweit zurück gingen, dass man alleine davon sogar eine langfristige durchschnittliche Arbeitslosigkeit von sage und schreibe 22% in ganz Deutschland hätte mit einer Vollversicherung absichern können (siehe Zeile 8: ursprünglicher ALV-Beitrag 6,4% plus die 22% Reallohnverlust, die die deutschen Arbeitnehmer seit Beginn der Diskussion der Agenda 2010 durch schwache Tarifabschlüsse und höhere individuelle Nachgiebigkeit gegenüber Arbeitgebern im europäischen Vergleich verloren haben, Quelle: NACHDENKSEITEN.DE, ergibt ca. 28,4%). Das ist Geld, das die Menschen nun auch nicht haben, da die Arbeitgeber es stattdessen in die eigene Tasche bzw. die Taschen ihrer Anteilseigner fließen lassen.

“Das Kapitalisten-Credo: Von jedem entsprechend seiner Leichtgläubigkeit, an jeden entsprechend seiner Gier.“ Andrew Joseph Stack

Der Software Ingenieur Andrew Joseph Stack hat sich vorgestern, am 18.02.2010 in Austin, Texas um 9:30 Uhr Ortszeit mit einem Kleinflugzeug in das Bürogebäude der örtlichen Steuerbehörde gelenkt.

Dieser Artikel zur aktuellen Lage der Mittelschicht bedarf also schon bald einer Fortsetzung. Ist die Lage der Mittelschicht in den westlichen Ländern nun derart dramatisch, dass sie Menschen zu solchen Taten treibt? Dass die Sorgen der Mittelschicht unbegründet sind, wie die IZA nachweisen will, kann offenbar jedenfalls nicht sein.

In Teil 2 werden wir zeigen, dass die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit nur einer von vielen Drücken ist, der die Mittelschicht noch vor dem Lebensabend der heute noch Arbeitstätigen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verarmt und enteignet haben wird. Sie sollten der Gefahr ins Auge sehen und sich fragen, ob es denn sinnvoll ist, sich wie ein Hamster ausschließlich auf den Job zu konzentrieren, während Andere Sie auf der politischen Seite immer weiter ausnehmen, bis Ihnen von all Ihren Bemühungen nichts mehr bleiben wird. Oder ist es langsam Zeit sich endlich auch politisch zu engagieren?

Und so schließen wir diesen ersten Teil des Artikels auch mit einem Zitat unseres neuen wahren „Helden der Deppen“ (Westerwelle wird zwar mittlerweile auch so genannt ist aber nur ein populistischer Imitant und Täuscher der Wissenden [siehe video vom BR, Quer, 18.02.2010] ). Joe Stack, der neue Märtyrer-Typus aus und für die Mittelschicht, wenngleich wir bedauern, dass bei seiner spektakulären Selbsttötung Dritte zu Schaden kamen:

„Ich habe einmal gelesen, dass es die Definition von Wahnsinn ist, einen Prozess immerzu zu wiederholen und dabei zu erwarten, dass das Ergebnis ein anderes sein wird.“ Andrew Joseph Stack

Politisch weiter still zu halten und alle vier Jahre eine oder zwei Parteien aus dem Block für systematische und niemals endende Lohnsenkungspolitik, gebildet aus SPD, Die Grünen/Bündnis90, FDP, CDU, CSU, zu wählen, ist nichts Anderes!

>> zu Teil 2 dieses Artikels


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