Archiv für: März 2010, 06

Entspanne Dich Deutschland

06.03.10 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er [Westerwelle] in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge,

drumrum ein großer Stacheldraht

– hamma scho moi g’habt.

Dann gibt’s a Wassersuppn und einen Kanten Brot.

Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover,

und überm Eingang,

bewacht von jungliberalen ICHlingen im Gelbhemd,

steht in eisernen Lettern: ‘Leistung muss sich wieder lohnen.’”


der Kabarettist Michael Lerchenberg als 'Bruder Barnabas' auf dem diesjährigen bayerischen Paulaner-Nockherberg, der daraufhin von der Rolle zurücktreten musste auf Druck von Charlotte Knobloch und Guido Westerwelle

Darf man solche historische Anspielungen in Deutschland machen? Meine Meinung ist: Ja, denn es gibt mittlerweile einen höheren Sinn solcher Worte und immerhin wurden sie mit Michael Lerchenberg von jemandem vorbereitet und gebraucht, der Geschichte studiert hat, also höchst bewußt. Deshalb will ich versuchen in einer "Rede an Deutschland" zu verdeutlichen, was der höhere Sinn solcher Worte in solchen Zeiten ist:

Rede an Deutschland

(von Knut Karnann, 6. März, 2010)

"Liebe Landsleute, meine lieben Damen und Herren,

Da die Haßpredigten gegen Sozialleistungsempfänger in diesem Lande in den letzten Wochen einen neuen Höchststand erreicht haben, sehe ich mich veranlaßt, diese Rede an die deutsche Nation zu halten, eine Rede, zu der Bundespräsident wie Kanzlerin zum letzten Neujahr wieder einmal die Gelegenheit verpasst haben.

Liebe Landsleute, meine lieben Damen und Herren,

Wir müssen den Neolibaralismus nicht umsetzen bis zur absoluten Unmenschlichkeit. Es ist uns doch auch nicht gut bekommen, als wir das vor nunmehr über 75 Jahren mit dem Rassismus versuchten. Der alte deutsche Erbfehler: Alles bis zur absoluten Verbissenheit optimieren zu wollen, erst recht, wenn es sich bei objektivem Hinsehen längst als grundfalsch erwiesen haben sollte.

Wir müssen den Umweltschutz nicht auf die Spitze treiben, bis zur absoluten Unmenschlichkeit. CO2, das ist der Stoff den Pflanzen atmen. Und die Pflanzen ... sind grün! Lasst uns in Ruhe andere, viel, viel wichtigere Dinge nachrechnen als CO2-Bilanzen. Wir haben in Sachen Umweltschutz, und das ist gut so, bereits weit, weit mehr erreicht als fast alle anderen Länder auf der Erde und können uns da jetzt in aller Ruhe eine Runde Auszeit von einigen Jahren gönnen - wirklich! Sollen die Anderen erst einmal aufholen, alleine könnten wir den Planeten ...

Sollte ich demnächst vieleicht einmal als Textübersetzung in Deutsch bringen: Der legendäre US-Kabarettist George Carlin hier im Originalton ohne Untertitel

... oder besser gesagt die menschenfreundliche Beschaffenheit des Planeten ohnehin nicht retten.

Nehmen wir uns stattdessen die so gewonnene Kapazität, um unsere eigene Gesellschaft wieder ein Stück menschenfreundlicher zu gestalten, denn das tut im Augenblick sehr viel größere Not. Auf nahezu keinem anderen Politikfeld gab es in den letzten Jahren nur einen annähernd so großen Fortschritt wie in Sachen Umweltschutz, nehmen wir uns stattdessen nun also Zeit für all diese anderen "so sehr vernachlässigten Kinder".

Wir müssen den Freihandel nicht auf die Spitze treiben. Die europäische Union ist für das Erste groß genug, sie ist eigentlich schon zu groß in Hinsicht auf die Kompatibilität von in ihr bereits enthaltener Ungleichheit, wie das Problem der Griechenland-Euro-Krise beweist. Wir müssen uns und unseren europäischen Nachbarn nicht immer noch größere Integrationslasten aufbürden, morgen die Türkei, übermorgen die Ukraine und in einiger Zeit ... die ganze Welt? Deutsche, hört wie dieser letzte Satz klingt und erinnert Euch. Und Ihr werdet begreifen, dass wir diese Projekte gar nicht angehen müssen.

Wir müssen den Freihandel nicht auf die Spitze treiben und unsererseits auch noch auf die letzte Handelsvorschrift und den letzten Schutzzoll verzichten, denn die weltweit erfolgreichsten Wirtschaftsnationen der letzten Jahre mit zweistelligen Wachstumsraten wie China tun gerade das ja auch nicht. Vielmehr tun sie sogar das genaue Gegenteil, sie verlangen horrende Zölle auf Importe und subventionieren ihre Exporte selbst in historischer Sicht auf brutalste Weise mit Blut, Leben und Menschenrechten ihrer arbeitenden Bevölkerung. Lassen wir uns von Landsleuten, die selbst von Mitgliedern der angelsächsischen Elite wieder als "hässliche Deutsche in Nadelstreifen" mit offenbar faschistoid gefärbten Ansichten angesehen werden wie Olaf Henkel nicht einreden, ausgerechnet diese brutal-protektionistische chinesische Regierung, die uns ohnehin nichts schenkt und uns seit Jahren entgegen aller Hoffnungen unserer Wirtschaftsbosse und entgegen aller theoretischen Möglichkeiten uns mit einem bilateralen Handelsdefizit im Regen stehen läßt, würde uns "bestrafen", wenn wir nicht artig dem großen liberalen Götzen Freihandel auch noch unser letztes Hemd preis geben. Nein auch diese Bedrohung besteht in Wahrheit nicht. Entspanne Dich Deutschland!

Wir müssen auch die Aufarbeitung unserer WK-II-Verbrechen nicht auf die Spitze treiben, denn Übersteigerung würde auch hier nur gegenteilige Wirkung herauf beschwören und sie tut es bereits, denn Deutschland, Du hast wie kein anderes Land je bisher einen Genozid aufgearbeitet. Es ist Zeit, auch hier nun nachzulassen und stattdessen nun auch einmal ein bisschen Stolz auf diese geleistete Arbeit zu sein, die in Gedenken, Gedanken und in Taten über viele Jahrzehnte vollzogen wurde. Vollenden wir die Aufarbeitung an den Fugen und Kanten, wo noch jemand unberücksichtigt geblieben ist, wie z.B. in Bezug auf die Dörfer, die in Polen, auf dem Balkan oder in Italien die Opfer von SS-Massakern geworden sind, wie z.B. der polnischen Zivilbevölkerung gegenüber, die unabhängig von der Religionszugehörigkeit entsetzliche Opfer zu verzeichnen hatte und der gegenüber wir Deutsche (wie u.a. auch Erika Steinbach immer wieder beweist) bis heute leider nicht gelernt haben, die daher gebotene Demut auch wirklich zu erweisen. Aber lassen wir Kraft nach, da wo bereits mehr getan worden ist, als gerade im Vergleich mit anderen Nationen erwartet werden kann, die ihre Genozide, weil diese, oftmals begangen in fernen Teilen der Welt, sich verbergen ließen, bis heute noch nicht einmal eingestanden haben. Wir Deutsche hatten als Kriegsverlierer und Verbrecher auf eigenem Boden kaum eine andere Wahl, als den Weg der Aufarbeitung zu gehen. So steht es uns nicht zu, uns deshalb hervor zu heben, aber wir sind diesen Weg größtenteils nicht mit Widerwillen, sondern mit Würde und Einsehen gegangen. Und wenn wir darauf jetzt nicht stolz sind, was wir uns verdient haben, dann wird aufkommender Widerwille das gigantische Aufarbeitungs- und Versöhnungs-Werk zweier ganzer deutscher Nachkriegsgenerationen wieder zerstören.

Der Sinn des Gedenkens ist, Wiederholung auszuschließen, doch wir werden das nicht erreichen, indem wir unseren Blick mit zu großer Aufmerksamkeit nur zurück richten, denn dann werden wir Gefahr laufen, die Bedrohungen zu übersehen, die vor uns liegen. Der potenzielle Faschismus von morgen wird ganz anders aussehen, genauso sicher, wie der "Hitler von Morgen" anders aussehen wird, als Hitler aussah. Natürlich müssen wir gerade in Deutschland Politikern misstrauen und diese auch mit den Mitteln der Satire bloss stellen, die sich in der Öffentlichkeit schamlos und uneinsichtig wiederholt wie hetzerische Spalter und menschenfeindliche, populistische Demagogen gebärden. Der Faschismus von Morgen wird sich, aller Voraussicht nach, nicht mehr an Nationalismus und Sozialismus orientieren, sondern sich ökonomistische und ökologistische Ziele auf die Fahnen schreiben.

3-sat-Kulturzeit: Klimawandel als Religion



Sehr bedenkliche Werbung von Audi zum Thema drohender Öko-Faschismus


Der Rassismus von Morgen wird, wenn das kommt, was zur Zeit aller Vernunft nach für die wahrscheinlichste faschistische Bedrohung gelten muss, die Menschen nicht mehr nach Blut und Religion aussondern, sondern nach ökonomischer und ökologischer Nützlichkeit, nach Vermögenden und Habenichtsen, nach Gläubigern und Schuldnern.

Hierzu noch einmal das Video aus meinem letzten Blog-Artikel: Katja Kippings Rede zum Thema "drohender Nützlichkeitsrassismus" im Bundestag (BITTE BETRACHTEN SIE DIE MINUTE 2:00 bis 3:00!).

Und gerade deshalb sollten wir unser Gedenken nicht erstarren lassen in immer sinnentleerteren Empörungsritualen bzgl. dem Gebrauch von angeblichem Nazi-Wortschatz oder in einer Tabuisierung von Vergleichen. In der aktuellen Debatte hätte sich Frau Charlotte Knobloch opfer-solidarisch hinter die Hartz IV-Empfänger und Hrn. Lerchenberg stellen sollen. Wir müssen gerade Analogien und Vergleiche suchen dürfen, auch in Bezug auf das, was sein wird, wenn nur die gleiche falsche Politik von heute nur ein paar Runden so weiter gemacht wird. Wir müssen das tun in dem Interesse, wirklich und wirksam die Wiederholung vergangener Grausamkeit dieses Mal rechtzeitig zu verhindern, solange es noch in unserer Macht steht. Wenn nicht einmal ein Zentralrat der Juden in Deutschland mehr begreift, was der höhere Sinn all dieser Gedenkrituale sein soll, stellt sich doch ernsthaft die Frage, was denn dann noch der Sinn all dieser Rituale heute ist.

Wenn Vergleiche wie von Hrn. Lerchenberg projeziert werden, dann doch nicht, um die bisherige Singularität des deutschen Verbrechens an den europäischen Juden in Frage zu stellen, was in der Tat vor allem für einen Deutschen verwerflich wäre. Dagegen ist es doch gerade die Absicht solcher Analogien im Interesse aller Menschen auch in der nahen Zukunft sicher zu stellen, dass diese Singularität genau so fortbesteht, die doch auch nicht egozentrisches Eigentum der historischen Opfer sein darf, sondern für immer eine Angelegenheit der ganzen Menschheit sein muss. In diesem Sinne ist Herr Lerchenberg ein weit vorbildlicherer Träger der historischen deutschen Verantwortung als alle jene mit Verlaub ziemlich dämlichen "Stellt ihn/sie an den Rechts-Pranger, weil er/sie hat aus Versehen das Wort 'Fremdarbeiter'/'entartet'/'Autobahn'/usw. gesagt!"-Rufer.

Entspanne Dich Deutschland, lerne gute Taten, auch die vorbildliche Aufarbeitung Deiner WK-II-Geschichte, mit einer gebührenden Feier auch wirklich abzuschließen. Lerne, Projekte, wie den Neoliberalismus und das entsprechende Reform- und Agendaprogramm los zu lassen, die offenbar nicht wegen mangelnder Anstrengung misslingen, sondern weil sie ihren Fehler bereits in der grundlegenden Idee inne haben. Lerne, Dich auch los zu beißen von hinreichend erfolgreichen Projekten, lerne den Blick abschließend zu wechseln vom Gegenstand des Eifers, über die Selbstschätzung, die Selbstwürdigung und das ausgelassene Feiern der erfolgreichen, eifrigen Tat, hin zu neuen, aktuell wirklich dringenden Themen mit guten und in sich stimmigen Ausgangsideen, die mittlerweile Not tun, angegangen zu werden.

Deutschland achte darauf, dass Du das Gute und nicht das Böse gut tust! Wenn es Dir gelingt auch diese Auswahl, was Du tust, gut zu tun, bist Du das beste Land der Welt. Geht es Dir schlecht, so wie heute, machst Du in genau diesem Punkt gerade etwas falsch und Deutschland, da die Begabung zum weltmeisterlichen "Gut-Tun" sich auch auf schlechte Ziele bezieht, kann diese Begabung, oh erinnere Dich, jederzeit auch zum Geschenk des Teufels werden.

Doch entspanne Dich Deutschland, setze Dir nur die Auswahl von Projekten hinsichtlich aktueller ethischer Prioritäten in festen, regelmäßigen, hinreichend kurzen Abständen als Ziel und Du wirst auch dieses gut tun!

Zum Abschluss dieser Besinnung auf unser Deutsch-Sein und das "Wesen unseres Deutsch-Seins" lasst uns gemeinsam auf den Text unserer Nationalhymne besinnen und dabei vor allem auf die Worte "Einigkeit" und "Recht".

Wenn Sie auf diese Hymne stolz sein wollen, dann müssen Sie auch bereit sein für die Errungenschaften unserer Bundesrepublik Deutschland zu kämpfen. Mir wird beim hören unserer Hymne nach Guido Westerwelles verbalen Ausfällen heute mehr denn je klar, wie gefährlich weit wir uns heute bereits von diesen Errungenschaften wieder entfernt haben.

Es ist, als wären wir schon ein anderes Land geworden, auf das man im Gegensatz zu unserer alten Bundesrepublik bereits nicht mehr stolz sein kann. Liebe Landsleute, kehren wir um, solange das Wieder-Heimkommen nur ein kleiner Schritt ist und nicht wieder das Blut und das Leben von Millionen kostet!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

Es folgt die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland, die bis vor Kurzem in der ganzen Welt geschätzt war, gespielt und gesungen von Einigen unserer besten, internationalen Freunde:

Sarena Paton singt unsere Nationalhymne begleitet von einer kanadischen Armee-Kapelle

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