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In Wahrheit gibt es keine Krise
- oder besser: Die wahren Krisen liegen ganz woanders!

21.03.10 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

„Menschen der Mittelschicht, ihr seid wunderbar!“ Das sagen Euch ausgerechnet moderne Marxisten, die Rede ist von dem amerikanischen Professor Michael Hardt, Duke University Durham NC, USA und von dem zeitgenössischen italienischen Philosophen Antonio Negri.

Gerade lese ich deren überaus interessantes wie schwieriges Buch „Empire“, ISBN 3-593-37230-4, das in der Originalausgabe bereits im Millenniumsjahr erschien und ich werde bisweilen über daraus gewonnene Kenntnisse hier berichten.

Während „das Empire“, eine neue globale Weltordnung aus deren Sicht nicht aus dem Diktat einer zentralen Verschwörungsmacht entsteht, sondern aus mehr oder weniger zufälligen, aber aufeinander aufbauenden historischen Prozessen, hat „die Menge der Menschen“ eine nie dagewesene wirtschaftliche Produktivität und operative Kooperationsfähigkeit erreicht. Dabei geht es vermehrt vor allem auch um geistige Leistungen und Produkte. Unsere Lebenswelt wird dank der genialen Leistungen vor allem von Mittelschicht-Ingenieuren und Technikern aber auch von vielen anderen Professionen durch technologische Revolutionen im Rhythmus von nunmehr nur noch ein paar Jahren quasi ständig komplett neu erschaffen.

Was fehlt ist ein „Klick“! Das Umkippen eines Schalters, das die gewaltige Handlungsmacht dieser in gigantischer Weise so produktiven Menge künftig auch in die Neugestaltung des gesellschaftlichen und politischen Bereiches fließen lässt. Hardt und Negri prophezeien, dass ein solches Ereignis in naher Zukunft, wie immer es auch genau aussehen mag, die Macht der ultraliberal konzipierten Ordnung des „globalisierenden Empires“ bald in seine Einzelteile pulverisieren wird.

Menschen der Mittelschicht, Helden des Alltags, Helden der berufstätigen Arbeit, besinnen wir uns auf diese Stärke! Wir haben keinen Grund Politiker-, Journalisten- und Wissenschaftlermarionetten unselbstbewusst gegenüber zu stehen. Wir sind die Schöpfer der Welt! Jene sind nicht mehr als vor Engstirnigkeit stinkende Puppen derer, die uns um den wohl verdienten Gewinn unserer Leistung bringen wollen, während sie heuchlerisch der Belohnung von Leistungsträgern das Wort zu reden vorgeben.

Wir haben es geschafft durch die Entwicklung herausragender Technik und die Optimierung unserer Arbeitsorganisation und –kooperation die Produktivität der menschlichen Gemeinschaft so weit zu steigern, dass es erstmals in der Geschichte möglich geworden ist, dass alle Menschen auf einem Wohlstandsniveau leben können, wie früher nur die aller Reichsten. Daher gibt es in Wahrheit keine materielle Krise, keine Krise mangelnder Produktion von irgendetwas, das die Menschen zum Leben brauchten, sondern das Gegenteil ist der Fall: Nie waren die Voraussetzungen für allgemeinen Wohlstand und das Genießen beträchtlicher Lebenszeitanteile in Freizeit besser als heute.

Die wahre Krise des von uns erreichten Fortschritts-Niveaus, und hier spinne ich nun wieder meine ganz eigenen Gedanken, ist die „Krise des gefühlten Reichtums“. Gefühlter Reichtum ist relativer Reichtum. Was macht den Reichtum denn noch aus, wenn sich dank biotechnologischem Fortschritt in Sachen Meerestierhaltung in Zuchtanlagen und dank Aldi jede Putzkraft, wenn ihr einmal danach ist, Lachs und Kaviar für ihr Frühstück leisten kann? Was macht den Reichtum denn noch aus, wenn selbst Bauarbeiter sich jedes Jahr so viele schöne Tage auf Malle, in Thailand oder Venezuela leisten können, wie ein Reicher auch nicht mehr Zeit hat, in seiner Millionen teueren Ballearen-Finca oder Hochseejacht zu genießen, in denen die meisten Tage des Jahres nur der private Sicherheitsdienst mit dem Schäferhund für einige Minuten nach dem Rechten sieht? Neiddebatte anders herum!

Die absurde Angst der Reichen vor Brechts „Anekdote von der Senkung der Arbeitsmoral“ führt nicht im Sinne einer Verschwörung, sondern als gesellschaftlich pathologischer, psychologischer Prozess, der in den Köpfen unserer Oberschicht-Angehörigen abläuft, dazu, dass wie ein mir bekannter, nordbayerischer Handwerker es kürzlich nannte „Mittel- und Unterschicht nun ohne Not, aus purer Willkür mit mutwilligen und keineswegs sachgerechten politischen Zwangsmitteln wieder in den Dreck getreten werden“. Das von der arbeitenden, produktiven Menge mit Leistung erreichte Paradies für Alle, das noch zu Helmut Kohls Zeiten auch von den Wirtschaftsexperten der CDU als „Freizeitpark Deutschland“ so vorausgesehen worden war, wird mit der zerstörerischen Wucht einer anarcholiberalen Agendapolitik absichtlich wieder zerstört und dadurch nun doch eine tatsächliche materielle Krise für die meisten von uns verursacht. Sieht so eine Leistungsgesellschaft aus, wenn auf heimtückischste Weise die produktive Menge um alle Pfründe ihrer Jahrzehnte langen hervorragenden Arbeit gebracht wird? Wir die Mittelschicht der freien Welt haben den „Iron-Man-Lauf“ um das Paradies auf Erden gewonnen, doch ein paar Meter vor der Ziellinie stellen uns nun die ganz Mächtigen das ultraliberale Agenda-Bein und tun so, als wären sie es nicht gewesen, sondern aus heiterem Himmel herabgefallene Krisen.

Vorsicht, Mitbürger, extremer Liberalismus, die Beseitigung jeglicher allen gemeinsam übergeordneter staatlicher Autorität, ist nichts anderes als Anarchie und Anarchie, ist eine Situation, in der der Stärkere dem Unmächtigen alles wegnehmen darf, seine Rechte, sein Hab und Gut, seine Gesundheit und seine Würde! Und der Stärkere wird in einer Anarchie auch keinen Moment zögern dieses zu tun, denn so ist der Mensch oder zumindest der Typus Mensch, den der dekadente Zustand unserer gegenwärtigen Gesellschaft immer mehr in die wirklich machtvollen Positionen spült: ein Tier, ein Wolf, so keine Zivilisation, das Gegenteil von liberaler Anarchie ihn zähmt. Eine von unseren Puppendemokraten liberalisierte, damit gleichsam in Anarchie versetzte Finanzdienstleistungsbranche hat es uns gerade vor Augen geführt.

Welch schöne Zeit, als die anarchische Bedrohung der Mittelschichtbürger in diesem Land lediglich von einigen Kocksern und Trinkern mit bunt-spitzem Haar-Styling ausging. Man könnte sagen, die „asozialen Anarcho-Punks“ von heute sind ungleich gefährlicher: Sie managen Grossbanken, schreiben Kolumnen in Zeitungen wie der Süddeutschen und der FAZ oder als staatlich dotierte Professoren Wirtschaftsgutachten für Kommissionen und sogenannte „Waisenräte“ oder sie heißen Schröder, Fischer, Westerwelle, Koch, Merz, Müntefering oder Steinmeier und haben in unseren etablierten Parteien ein gehöriges Wörtchen mitzureden oder sie sind Bundespräsident.

Anarcholiberalismus nennt sich nach Belieben „moderne Sozialdemokratie“, „Grün“, „freiheitlich liberal“ oder „Neokonservatismus“. Der „schwarze Schimmel“ unter diesen Begriffen, namentlich Konservatismus, der „Neo“ ist, was ein Widerspruch in sich ist, verrät, dass an diesen modernen Politikbegriffen etwas faul ist. Sie sind allesamt Fassade für eine nur scheinbar fortbestehende Pluralität der politischen Landschaft. In Wahrheit steckt hinter allen diesen Etiketten nur eines: ANARCHOLIBERALISMUS, eine extremistische Politikform, die gerade uns anarchische Zustände wie der Teufel das Weihwasser verabscheuende Normalbürger in Alarmzustand versetzen und Bürgerwehren aufbauen lassen sollte. „Formet vous batallion!“ heißt das in der französischen Nationalhymne, die auch einmal das Lied der Arbeiterbewegung hierzulande war.

Wann macht es, um auf Hardt und Negri zurückzukommen, Klick? Wann fangen wir an, unsere exzellenten beruflichen Tugenden für die politische Produktion einzusetzen anstatt auf diesem Bereich unseren Untugenden freien Lauf zu lassen? Was ist mit unserer Kooperationsfähigkeit auf dem Gebiet des Gesellschaftlichen und Politischen? Jede Idee ist wichtig, jeder Ansatz ist wichtig, jede Aktivität ist wichtig, warum kooperieren wir nicht, warum bekämpfen wir uns, warum sehen wir in jedem Anderen, der sich bemüht, oftmals nur das Schlechte? Warum denkt im Bereich des Politischen jeder, er alleine hätte die Weisheit mit dem Löffel gefressen oder mit dem ultraliberalen Trichter schon richtig eingeträufelt bekommen nach dem Motto „BILD Dir ein, dass Du Dir Deine Meinung BILDest“? Warum sind wir unfähig unsere eigenen Meinungen der Kritik zu unterziehen, Kritik anzunehmen? Würden wir im professionellen Arbeitsumfeld so agieren, hätten wir die von Hardt und Negri bewunderte kooperative Produktivität niemals erreicht! Was wir im professionellen Umfeld können, können wir auch im politischen Umfeld, davon bin ich überzeugt. Der von Hardt und Negri prophezeite „Klick“ ist, dass wir anfangen, davon endlich auch Gebrauch zu machen.

Im Prinzip ist es doch simpel, was zu fordern ist! Wie eh und je in der Geschichte geht es darum als Menge Eigentumsrechte zu verlangen, an dem was uns gerechterweise zusteht, weil es von uns selbst in Jahrzehnten erarbeitet worden ist, was man uns aber nicht zugestehen will:

1. Wir dürfen ein Notenbanksystem nicht länger akzeptieren, das Alles was wir uns an längerlebigen Vermögenswerten durch unsere Arbeit schaffen, zum Eigentum der Notenbank erklärt und uns in gleicher Höhe Geldschulden auferlegt, wodurch wir paradoxerweise mittels all unserer Arbeit höchstens vorübergehenden, rein physischen Besitz an zusätzlichen Gütern erreichen, jedoch, jedenfalls in Summe, rechtliches Eigentum nur an immer neuen und noch höheren Schulden gewinnen.

2. Wir müssen, mit Recht zur Weiterverwendung, das Eigentum der Menge verlangen an allen natürlichen und geistigen Schöpfungen von der DNS von Reispflanzen über technische Erfindungen bis hin zu künstlerischen Werken, natürlich bei gleichzeitiger angemessener Entlohnung der Erfinder und Finder. (Hardt und Negri haben mit ihrem Buch bereits im Jahr 2000 die neuartigen und berechtigten politischen Forderungen dazu von einer Piraten-Partei vorhergesehen, die von uns schon deshalb ernst genommen werden sollte, weil sie sich aus der schöpferischsten Mitte der produktiven Menge geriert hat.)

3. Auch staatliche Ordnung, Souveränität und Autorität, die definitorische Kraft der Sprache, der medialen Kommunikationskanäle und der Wissenschaft gehören der Menge! Nur funktionierende Demokratie, und das Folgende ist ganz wichtig, auf der Basis echter und umfassender Gewaltenteilung, die künftig auch die meinungsdefinitorische Macht (Medien, Parteien und Wissenschaft) und private Vermögensmacht mit berücksichtigen muss, stellt das sicher und gehört deshalb zu diesem Eigentumsanspruch. Vor allem die sich ständig ausweitende legislative Betätigung der Exekutiven über die supranationale Ebene darf deshalb von uns nicht länger geduldet werden. Und genauso wenig dürfen wir deshalb demokratie-pervertierende organisationsinterne Kandidatenfindungs- und Wahlrituale, Parteispenden, Ahndungsfreiheit von Abgeordneten-Korruption, privatwirtschaftliche Anschlußjobs von Regierungsmitgliedern und hohen Exekutiv-Mitarbeitern, Vorschlag und Wahl von Richtern und Intendanten durch Politiker der Legislative und Exekutive, Weisungsgebundenheit von Staatsanwälten akzeptieren. Ferner müssen wir für finanzielle Unabhängigkeit auf der Basis von bedingungslos bereitgestellten, ausreichenden Steuergeldern für unabhängige Medien, Parteien und Hochschulen sorgen, bei gleichzeitigem Verbot jeglicher sonstiger Bezuschussung, die an Bedingungen geknüpft wäre oder durch private Träger mit Widmung an bestimmte Institutionen erfolgt (d.h. für Werbeanzeigen müsste es z.B. ein zentrales Inkasso über einen Fonds geben, der die Mittel dann zu gleichen Teilen an alle ausschüttet).

4. Wir müssen das volle Eigentum der Menge verlangen an dem Wohlstand, der durch unsere Produktionskraft als Menge möglich geworden ist und der auch in der durch eine dramatische Steigerung unserer wirtschaftlichen Produktivität erreichten Möglichkeit liegt von kürzeren Arbeitszeiten oder Lebensarbeitszeiten bei voller Aufrechterhaltung des Lebensstandards. Anstatt hier ein neues Kastensystem von Zu-Viel-Arbeitenden und Nicht-Arbeitenden zu installieren, kann man durch eine vernünftige und gerechte Verteilung von Arbeit, Freizeit und Einkommen stattdessen allen Menschen zum Glück verhelfen.

„Entspanne Dich Deutschland!“ hieß einer meiner letzten Blog-Artikel. Nirgends in der entwickelten Welt gibt es derzeit eine allgemeine materielle Krise. Es gibt nur eine Krise der gerechten und angemessenen Verteilung von Arbeit, Einkommen und Freizeit und die Krise einer Menge, insbesondere der der Mittelschicht, die die ihr zustehenden Eigentumsrechte an dem von ihr in fantastischer jahrzehntelanger Arbeitsleistung Erreichten (noch) nicht politisch einfordert. Die Krise des Wartens auf den Klick, dass die arbeitende Menge ihre in beruflicher Profession bewährte Produktions- und Kooperationskraft endlich darauf richtet, um sich auch die politische und gesellschaftliche Welt neu zu erschaffen. Das Paradies auf Erden FÜR ALLE MENSCHEN, ja gerade möglich geworden dank der wirtschaftlich operativen Leistung der letzten Jahrzehnte der Mittelschicht-Menge der freien Welt, kann dann durch die gleiche Menge heute bereits verwirklicht werden. Und kein „inhumanes ultraliberales Empire“, das autoritäre Souveränität nicht mehr im nationalstaatlichen Sinn als über allen stehenden Schutz für die Menge sondern als Werkzeug der Stärksten versteht, so Hardt und Negri, wird uns DANN davon abhalten können!

„Klick“! Wir bei der MITTELSCHICHT.COM arbeiten daran und hier auf dem Mittelschicht-Weblog können Sie Zeuge werden. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen auch noch einmal die bevorstehende Artikel-Serie in Aussicht stellen, mit der wir in den nächsten Tagen beginnen werden:




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