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GESELLSCHAFT

Demokratiekultur versus Hierarchiekultur
Zweiter Teil von Vieren: Von Königen und Untertanen

05.04.10 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Fortsetzung des Artikels: Demokratiekultur versus Hierarchiekultur - Erster Teil von Vieren: Rettet das Auenland! >>> ZURÜCK ZUM ERSTEN TEIL

Manchmal steige ich ab von meinem "weißen Pferd" und sehe mir eine der Widerstandsgruppen aus der Nähe an und erschrecke: Selbst in diesen Kreisen des Widerstands sehe ich überall nur Hierarchiekultur. Jedenfalls da, wo ich bislang in realen Stammtischen und Web-Communities aufschlug, war man zu einer offenen demokratischen Diskussion mindestens zu Angelegenheiten der eigenen Organisation oder des eigenen Vorgehens nicht in der Lage, selbst die offene und konstruktive Diskussion um Sachthemen scheint nur selten zu gelingen, wenn es einmal nicht um die Mainstream-Themen der neuen oppositionellen Bewegung geht oder gar um abweichenden Meinungen dazu.

Gerade die Gründer solcher Initiativen fühlen sich oftmals wie absolutistische Könige mit ewigem Recht an der von ihnen angestoßenen Sache. Da ich nebenbei immer auch künstlerisch aktiv bin, hatte man, es war eine junge australische Kunstwissenschaftlerin, mich vor langer Zeit einmal, als es noch eine Option für mich war, eine wirkliche Künstlerkarriere anzustreben und davon zu leben, gefragt, ob ich mich als Eigentümer meiner schöpferischen Werke fühle. Sehr erstaunt über die Frage wusste ich zunächst keine Antwort und fragte stattdessen nach dem Hintergrund. Die junge Kunstwissenschaftlerin war der Ansicht, dass man einen wirklichen Künstler vor allem daran erkenne, dass er seine Werke von Anfang an nicht als sein Eigentum, sondern wesentlich als Eigentum der ganzen Menschheit betrachte.

König im Kirchenfenster
Bild rechts: König im Kirchenfenster der Kilianskirche in Heilbronn, Quelle:
wikimedia (frei für nicht-kommerzielle Verwendung)

Ebenso, meine ich, sollten soziale Initiativen-Gründer ihre Initiative nicht vorrangig als ihr Eigenes ansehen, sondern als etwas, das sie für die gesamte Gesellschaft geschaffen haben, etwas, das mindestens auf kürzere bis mittlere Sicht vollständig in die Kontrolle der Gesellschaft bzw. der sich der Initiative anschließenden Gemeinschaft übergehen wird. Wer wirklicher Demokrat ist, kann gar nichts anderes wünschen. Wer für Demokratie ist, ist für Demokratie als grundlegendes soziales Prinzip jeder Gemeinschaft, angefangen von der Familie, über den Aquarianer- und Fußballverein bis hin zur politischen Partei oder Gewerkschaft.

Demokratie ist in erster Linie kein Rechtssystem, sondern eine Kultur! Und diese Kultur müssen wir leben, wenn Demokratie herrschen soll. Wer Demokratie-Mängel kritisiert, muss mit deren Beseitigung auch vor der eigenen Haustüre anfangen, stattdessen herrscht in den meisten Initiativen „der Bewegung“ zur Zeit noch die folgende Kultur:

„Die Reaktion auf meinen Witz […] betreffend ist grotesk. Sie befriedigen unablässig diktatorische Neigungen, und jeder hier kann jederzeit das Opfer Ihrer unkontrollierbaren Angrifswut werden.
Sie toben seit Tagen.“

(Kommentar von einem User über einen Seitenbetreiber aus einer dem Autor bekannten Webseite der neuen politischen Opposition in diesem Land)

Es kann einem auf Stammtischen der Wahrheitsbewegung, auf denen man einerseits für abgehobenste esoterische Themen z.B. eine grenzenlose Offenheit zu haben scheint, andererseits ohne Weiteres passieren, dass man innerhalb von zwei Treffen auf das Übelste herausgemobbt wird, wenn man das thematisiert, was Gegenstand dieses mehrteiligen Artikels ist: Gelebte Demokratie. Das kann es doch nicht sein! Dennoch möchte ich alle Leserinnen und Leser ermutigen, an solchen Intiativen teilzunehmen und zu versuchen mutig etwas an der dort gelebten Kultur zu verändern.

Gregor Gysi
Bild links: Gregor Gysi, Politiker der Linkspartei beim Berlin 08 Festival, Quelle:
wikimedia (frei für nicht-kommerzielle Verwendung)

Die etablierte Gesellschaft, jedoch, ist da keineswegs besser. Menschen, die sich in politischen Parteien engagieren, Journalisten, die darüber berichten, alle hängen nur noch der Hierarchiekultur an. Da wird nach dem Ausfall Lafontaines aus gesundheitlichen Gründen in allen Zeitungen und Medien erst bemängelt, dass Hr. Gysi noch keinen Nachfolgekandidaten in petto hätte. Und als dieser zwei Kandidaten benennt, bezichtigt die Presse die Partei „Die Linke“ der inneren Zerstrittenheit, da innerhalb der Partei andere Leute sich mit den benannten Kandidaten nicht ganz einverstanden geben. Bitte? Ist es denn das, was man heute selbst von Parteien, die nach dem Grund- und Wahlgesetz zu innerer Demokratie verpflichtet sind, erwartet, dass irgendein Parteihierarch, die Nachfolgekandidaten für offene Parteiposten bestimmt und die Parteibasis das natürlich dann selbstverständlich auch klaglos so abzunicken hat! Unsere politischen Journalisten wissen es also offenbar nicht mehr, was Demokratie eigentlich ist!

Doch bei den etablierten Parteien läuft alles längst nach diesem Schema. Da gehen Leute in eine politische Partei, weil sie in der Demokratie mitbestimmen wollen und dann verhalten sie sich dort aber nur wie "dummes Stimmvieh der Partei-Hierarchen und Seilschaften", um deren "Klüngelkandidaten" wie im tiefsten Sozialismus mit über neunzig Prozent Ja-Stimmen und ohne Gegenkandidatur, die sonst von den Hierarchen und der Presse ja sofort als "Kampfkandidatur" gebrandmarkt würde, durchzuwinken. Doch über einen permanenten Skandal solchen Ausmaßes lamentieren unsere Damen und Herren Politik-Journalisten niemals!

Die westliche Zivilisation empfiehlt den Asiaten und Orientalen die Demokratie, führt angeblich dafür sogar Kriege und weiß selbst nicht mehr, was das ist.

Wo die Gesellschaft mittlerweile in fast allen Untergliederungen hierarchisch tickt, das ist hierzulande im Landesnorden einmal wieder bereits viel mehr der Fall wie im Landessüden, da bricht die militante Form des Hundekults aus: Bürgerintiativen für die Freilaufrechte von Hunden, im Sommer Hundeschulen auf jeder gemähten Park- und Grünanlagenwiese, die dort Sonnenbadende vertreiben, an Winterabenden Hunde mit rot-blau warn-blinkenden Halsbändern und Gurtgeschirr um das Hundeleibchen, das oftmals von Westchen, Mützchen oder gar Schühchen zum Schutz der Pfoten vor Kälte und Streusalz qualvoll verziert ist, sind deutliche Warnzeichen.

Da jeder Untertan in Wahrheit ein Tyrann auf seiner Ebene und gegen alle darunter ist, egal auf welch niedriger Hierarchie-Etage sich diese Ebene befindet, benötigen in einer durch und durch hierarchischen Gesellschaft Frauen und Kinder, um nicht das traurige Nur-Noch-Untertan-Ende der hierarchischen Kette zu bilden, als wirklich letztes Glied der Ordnung dann noch den Hund. In Bayern sagt man dazu, wie zum Beispiel jetzt über die Norddeutschen, die volkstümliche Redewendung: „Die sind auf den Hund gekommen.“, was soviel bedeutet wie, die gelten in der Gemeinschaft nun so wenig, haben im Leben niemandem mehr gegenüber etwas ernst genommener Weise zu sagen, so dass sie jetzt einen Hund dafür benötigen.

Übungsplatz einer norddeutschen Hundeschule
Bild: Übungsplatz einer Hundeschule, Quelle:
flickr (frei für nicht-kommerzielle Verwendung)

Ja, ja, auch die Süddeutschen (und ich möchte da den frankophil beeinflussten westrheinischen Rand der Republik und die Hauptstadt, die so wenig Norddeutschland ist wie New York Amerika oder Shanghai China mit einschließen) halten gelegentlich Hunde, jedoch macht es den Unterschied, wie man diese dort behandelt. Der Hund ist dort noch der Freund, das gleichberechtigte Famlienmitglied. In norddeutschen Großstädten dagegen erlebt man auf der Straße langsam jeden Tag mehrere Szenen, wo ein Hund von Frauchen in militärischster Offiziersmanier gerade zu dem Verhalten gezüchtigt wird, das er vor ein paar Tagen erst noch in der Hundeschule gelernt hat und das er nun gefälligst so einhalten soll.

Aufwändig saniertes Bürgerhaus in Süddeutschland
Bild links: Großzunfthaus in Memmingen, bayerisches Schwaben, Quelle:
flickr (frei für nicht-kommerzielle Verwendung)

Süddeutschland ist auch deshalb wirtschaftlich erfolgreicher, weil die Mitarbeiter in den Unternehmen sich gegenüber ihren Führungskräften noch den Mund auf zu machen trauen, wenn sie das Management gerade etwas ihrer Meinung nach nicht besonders sinnvolles angewiesen hat. Man nehme z.B. dagegen die Ruhrpottler. Diese prahlen einerseits mit ihrer direkten Art der Kommunikation, doch in Wahrheit sieht es damit doch so aus: Man nimmt sich tagtäglich vollmundige Unverschämtheiten heraus gegenüber dem vermeintlich Gleichen auf der Straße, der sich scheinbar eine Blöße gegeben hat, dem Radfahrer, der angeblich unerlaubt fährt gegenüber, der Frau gegenüber die einen Pelzmantel trägt und den Tierschutz nicht beachtet, dem Dicken, der sich in der Badehose im Garten sonnt, doch im Wirkungsbereich von Hierarchien, in ihrer Arbeit z.B, beißen sich die Ruhrgebietler selbst in hochgradig berechtigten Situationen lieber auf die Zunge als "aufzumucken" (was deshalb wahrscheinlich ein bayerisch-stämmiges Wort ist).

Doch in diesem Punkt ist leider zu erkennen, dass sich das auch in Süddeutschland gerade zum Schlechteren verändert, vielleicht durch die vielen zugereisten norddeutschen Arbeitsmigranten, vielleicht durch die hierarchische Stimmung, die über die neue liberalistische Bundespolitik der letzten Jahrzehnte und die sich ständig verschlechternde Arbeitsmarktlage auch bis in die beiden südlichen Bundesländer dringt: Bei der bayerischen Landesbank gab es offenbar zuletzt bereits mindestens einen selbstbewussten, einheimischen Nein-Sager zu wenig. Das hat zuerst der Bank und dann die bayerischen Steuerzahler bekanntlich insgesamt erheblich mehr als zehn Milliarden Euro gekostet. Es zeigt allzu deutlich: Der Einzug der Hierarchiekultur ist auch der Anfang vom Ende des wirtschaftlichen Wohlstands einer Gesellschaft, es sei denn die hierarchische Spitze agiert genial, was auf historische Sicht leider immer nur eine kurze glückliche Ausnahme war und heute vielleicht, wobei dieses auch erst die nähere Zukunft zeigen wird, auf die chinesische Führung zutrifft.

Aber von der etablierten Gesellschaft zurück zur neuen politischen Opposition in den westlichen Ländern. Dazu mehr im nächsten Teil dieses Artikels.


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