Nachdenkliche Worte zu den Duisburger Ereignissen vom letzten Wochenende:
Duisburg, im Vorfeld der Loveparade 2010: Zu viele Bürger und Medien ließen das skrupellose Schalten und Walten der Politmächtigen zu und die Medien beförderten es sogar.
Gibt es denn ganz allgemeinpolitisch, irgendeine Hinsicht in der wir den Politikern noch vertrauen könnten? Und wird die fatale neoliberale Politik der Zerstörung von Humanismus und Nächstenliebe, die auch bald extrem übel für uns ausgehen dürfte, nicht ebenfalls ständig frenetisch unterstützt von unseren Massenmedien und unseren Wählerstimmen? Steht irgendjemand dagegen auf? Ja einzelne Mahner, wie es sie auch bei der Duisburger Feuerwehr gab, aber hören ausreichend viele Menschen auf sie?
Die Menschen fühlten sich zu Tausenden angezogen vom Sinnenrausch der sogenannten „Floater“, den Wagen mit der so schön betäubenden Trance-Musik, weithin „Techno“ genannt.
Die Menschen fühlen sich zu Millionen angezogen von den Verheißungen des ultraliberalen Konsumzirkus: Satellitenfernsehen, Fußballweltmeisterschaft und Hitec-Spielzeuge ohne Ende für alle und Fitness-Studios, Schülernachhilfe und Elite-Hochschulen für das "Survival of the Fittest", denn wie geil ist das denn, sich dank der Bedingungen einer immer weiter verschärften Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft als Gewinner über Andere fühlen zu dürfen.
Techno-Bässe sind dagegen wie Wiesengras im Verhältnis zu Kokain. Diese massenhafte Pervertierung der Lebensfreude und der Liebe, die man sich in Form von schnödem Konsum, künstlich generierten Gefühlswallungen zu Fernseh-Filmen, Soaps, digitalen Pornobildchen und musikalischen Balladen „reinzieht“, immer verfügbar. Das ist der Reiz, das Prinzip wie seit je her Drogen funktionierten.
Die Duisburger Loveparade hat gezeigt, wie Menschen derart, durch Vorfreude auf einen bestimmten "Rauschgenuß", dessen Legitimität an und für sich, von Zeit zu Zeit ich als äußerst lebensfreudiger Mensch um Gottes willen nicht in Frage stellen will, betäubt, von einigen wenigen "Organisatoren" in eine für sie höchst verderbliche Situation geleitet werden können.
Und führt nicht gerade der politische Ultraliberalismus unter genau solchen, völlig analogen Bedingungen gerade uns alle zusammen in eine Zukunft, die am Ende eine uns alle traumatisierende Hölle sein wird?
Man zwängte sie in ein mit Mauern, Zäunen und Tunneln völlig abgesperrtes, viel zu enges Gelände, …
Auch das Festival-Gelände der großen ultraliberalen Konsumparty liegt zwischen hohen Mauern: Denkmauern und politisch gezimmerten, praktischen Mauern.
Man lässt uns nicht auf das eine Nachbargelände, auf dem Schutzzölle oder ähnlich wirkende Umsatzsteuermodelle, unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung, unseren Sozialstaat und Rechtsstaat beschützen vor dem Menschen- oder Arbeitnehmerrechtedumping paradoxerweise gerade auch solcher Staaten wie China oder Indien, die selbst für sich hohe Zölle weiterhin kassieren und mit teils zweistelligen Wirtschaftswachstumsraten deshalb davon profitieren.
Man lässt uns auch nicht auf das andere Nachbargelände, auf dem ein Privatisierungsstopp, Vermögenssteuern oder vermögensabhängige Einkommenssteuertarife mit allerhöchsten Spitzensätzen die Akkumulation endlich stoppen von immer mehr eben nicht nur Geld, sondern Eigentum an realer Lebenswelt bei nur noch ganz Wenigen, was natürlich und notwendiger Weise unserer Demokratie und unserer allgemeinen Freiheit die Atemluft immer weiter entziehen wird und die freiheitlich demokratische Grundordnung am Ende vorhersehbar umbringen.
Man lässt uns nicht auf das weitere grün blühende Nachbargelände, auf dem der Staat, weiter ein mächtiges Dach und sicherer Schutz für Alle bleibt, auch für die Schwächsten und Ärmsten und eine Autorität und Richter für alle gleichermaßen, auch für die privat Mächtigsten. Man läßt uns nicht auf dieses rettende Nachbargelände, wo der Staat nicht schrittweise zum alleinigen, privaten Machtinstrument der Wirtschafts- und Vermögensmächtigen umgestaltet wird, wie es auf dem ultraliberalen "Todes-Rave" gerade offensichtlich der Fall ist!
Als mit einfachen, demokratischen Mitteln nicht mehr überwindbare Absperranlage zu diesen und anderen rettenden Nachbargeländen
Und gleichzeitig vergrößert man den Zustrom an Zuwanderern in den ultraliberalen Ellenbogen-Tunnel
Von Barrikaden aus Absperrgittern und Polizeiketten an Stellen, an denen noch Luft war ließen sie sich beeindrucken, nahmen diese so an und drückten stattdessen immer weiter hinein in die Menge, in Ihresgleichen, bis am anderen Ende die ersten zu Tode gedrückt wurden …
Die Politiker stellen die Absperrgatter enger, wie jetzt gerade wieder geschehen mit "FDP-Röslers Gesundheitsreform", die Wirtschaftsunternehmen, Spitzenverdiener und Gesundheitssystemabzocker entlastet und Einkommensschwache finanziell stattdessen erheblich mehr belastet und unter diesen vor allem kinderreiche Familien.
Wie auf der Love-Parade legen sich die wenigsten mit den dieses bewerkstelligenden Kräften an und gelten dann auch noch als Buhmänner und Chaos-Stifter, stattdessen akzeptiert man das und erhöht man überall ordentlich deutsch, weil obrigkeitskonform den Druck auf seinesgleichen:
Wer rechtzeitig geschickte Mobbing-Intrigen startet, der wird bei der nächsten Jobabbau-Welle sicherlich nicht zu den Verlierern gehören und die ganz unten und die entlassenen gemobbten Kolleginnen und Kollegen sollen gefälligst künftig noch weniger Geld als Hartz IV heute bekommen, dann bleibt mir schon noch genug, um dem Konsum- und Medienhedonismus weiterhin ausreichend frönen zu können, obwohl auch der Druck auf mich offensichtlich größer wird. So denken bei uns leider die einen und die anderen lassen das alles einfach geschehen, weil man ja eh nur noch so wenig Zeit und Kraft dafür übrig hat, die eigenen Batterien aufzutanken, sich in seinem eigenen kleinsten und persönlichsten, direkten Umkreis noch die nötige Luft zum Atmen zu verschaffen bei all dem immensen Druck von Vorne, von Hinten und von der Seite.
Am anderen Ende halten die ersten den Druck nicht mehr aus, werden drogenabhängig, kriminell, landen im Gefängnis, lassen, depressiv geworden, ihre Kleinkinder verhungern, nehmen sich das Leben, landen als Obdachlose auf der Straße und werden dort von Neonazis oder marodierenden Jugendbanden erschlagen und vieles Schreckliche, auch weniger spektakulär, eher persönlich Schreckliche mehr.
Doch in der ganz, ganz großen Duisburger Loveparade, die wir nun alle zusammen schon seit vielen Jahren begehen, gibt es für diese Opfer immer noch keine allgemeine Betroffenheit, keine Kerzen und Kränze, keine Kondolenzbücher am nächsten Tag. Sie gelten nicht als Opfer, sondern dem neuen Nützlichkeitsfaschismus gemäß als Verlierer, auf die man mit der Brille der BILD-Zeitung mit Verachtung blickt, unwertes, weil nicht konkurrenzfähiges Leben, nicht Wert, dass die (noch) Erfolgreichen einen Gedanken daran verschwenden, …
Auf dem Festgelände lachten und tanzten Sie weiter bis zum Sonnenuntergang.
Nichts wird die Toten von Duisburg wieder lebendig machen, doch ihr Tod würde heilig, das Ruhrgebiet vielleicht doch noch zur Kulturhauptstadt einer neuen Zeit, würden wir durch ihr Schicksal als Gesellschaft endlich aufwachen, …
Hinweis: Die ursprünglich hier verlinkte RTL-Seite mit der bewegenden Trauerrede von Hannelore Kraft wurde zwischenzeitlich von RTL entfernt. Zum Glück gibt es Youtube! Dort steht die Trauerrede mittlerweile zur Ansicht bereit, so dass wir die Verknüpfung am 03.08. morgens entsprechend umgestellt haben und die Trauerrede somit hier wieder aufrufbar ist.
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