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GESELLSCHAFT

Hilfe, wir halten für "Spinner" die Falschen!
Ein Aufsatz des Mittelschicht Weblogs über Verschwörungstheoretiker und ihre „Antimenge“

19.01.11 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Die Gesellschaft ist wohl allgemein nicht fair, aber sie ist auch nicht fair sprachlich! Sie erfindet für bestimmte Menschen, die sie ausgrenzen möchte, Begriffe. Z.B. für die „Nymphomanin“ oder den „Lustgreis“. Einen vergleichbar populären, eindeutigen und ähnlich abwertenden Begriff für aus Lust-, nicht aus Geldinteresse entsprechend vereinigungsfreudige Jungmänner gibt es dagegen bekanntlich, jedenfalls gesellschaftsweit anerkannt, nicht. So ist das Wort „Gigolo“ eher in bestimmten und zwar passenden Szenen üblich, in denen es dann oft gleichzeitig eine eher anerkennende Note hat, erinnert es doch an die noblen Begleitservice-Schönheiten, die früher in Deutschland edle Hotels ihren wohlhabenden Kundinnen an die Hand gaben. Im angelsächsischen Sprachgebrauch dagegen, wird dieses Wort für etwas ganz Anderes verwendet, namentlich für professionelle und kommerzielle männliche Prostituierte. Das Wort „Satyrisk“, das die griechische Mythologie für solche Männer zu bieten hätte, ist dagegen weitgehend unbekannt, selbst in der Rechtschreibprüfung meines Textverarbeitungsprogramms hier. Und Begriffe, die in Jugendkreisen für solche jungen Männer manchmal Verwendung finden, wie etwa „Stecher“ oder der Name eines bekannten Küchenwerkzeuges, verbietet sich die normale Gesellschaft seit Jahren, wohl nicht ganz zu unrecht, als Unworte, die zu verwenden, der Anstand verbietet.

Die Folge ist: Der aus Lust sich multipel vereinigende Jungmann zählt zu den Normalen, weil es keinen anerkannten Namen für ihn gibt. Denn für das, was normal ist, braucht es in der Sprache keinen besonderen Begriff. Dass es einen solchen für Frauen und ältere Männer mit entsprechenden Vorlieben gibt, hat nicht zuletzt den Grund, dass die Gesellschaft diese Bezeichnungen benötigte und deshalb etabliert hat, weil sie sich von jenen abgrenzen, diese ausgrenzen und „brandmarken“ möchte als „Unnormale“. Dass die Homosexuellen das Wort „Hetero(sexuelle)“ im allgemeinen Sprachgebrauch der Gesellschaft ebenfalls etablierten, war deshalb z.B. ein wesentlicher Schritt auf dem Wege zu ihrer Befreiung und Gleichberechtigung.

Und so hat unsere allgemeine Sprache zu dem Begriff „Verschwörungstheoretiker“ momentan kein Gegenstück. Grund genug sich einmal zu fragen: Wer sind eigentlich die ganzen anderen Menschen, die sich nicht als „Verschwörungstheoretiker“ begreifen oder ständig glauben, sich von dieser Gruppe an Mitmenschen ausdrücklich distanzieren zu müssen? Nicht zuletzt liegt darin derzeit eines der großen Probleme, das die deutschsprachige Blogosphäre heute spaltet. Deshalb will ich mir auch den Hinweis ersparen, dass ich die folgende Verteidigungsschrift als Blogger verfasse, der eher nicht in Verruf ist, der Hardcore-Ecke dieser Verschwörungstheoretiker anzugehören, und irgendwie habe ich es aus gesellschaftlich verordneter Gewohnheit nun also doch getan.

Wer sind also diese Anderen, die sich im Verhältnis zu den Verschwörungstheoretikern für die normaleren Menschen halten und jene dagegen oft als „bloße Spinner“ ansehen? Natürlich haben die Verschwörungstheoretiker selbst bereits einen Begriff für diese Anderen erfunden. Nur haben sie politisch höchst unklug, anders als die Homosexuellen, einen Begriff gewählt, der sprachlich noch weniger neutral ist als der Begriff „Verschwörungstheoretiker“ selbst und offenbar diffamierend, so dass es unwahrscheinlich erscheint, dass dieser sich jemals allgemein gesellschaftlich durchsetzt. Auf der anderen Seite wird gegen die Verschwörungstheoretiker deren Namen immer öfter in gemeiner Weise zu „Verschwörer“ verkürzt, was ebenfalls ein gigantisches Unding ist, macht man sie doch auf diese Weise zu denen, vor denen jene gerade warnen. Meine weiteren Überlegungen hier dagegen sollen objektiver verlaufen.

Der Aufbau einer Verschwörungstheorie ist zu vergleichen mit der Tatrekonstruktion in der Kriminalistik. Es werden Modelle entwickelt, wie es dazu gekommen sein könnte, dass dieses oder jenes Seltsame und Seltene passierte. Das machen andere auch, die der Großteil der Gesellschaft dagegen ganz gerne hat: Nicht nur die Zahl der immer noch Millionen fanatischen Krimi-Leserinnen und -Leser, -Seherinnen und –Seher, sondern nicht zuletzt auch die politischen Kaberettisten z.B.

Die Theorien Letzterer zur Erklärung unfassbarer Politik-Entscheidungen und politischer Ereignisse sind aber oftmals einfach nur naiv: „Unsere Politiker schaden uns ja nur, weil sie eben ziemlich dumm sind und es nicht besser können oder bestenfalls weil sie nur unser kurzfristig Bestes wollen, um uns bereits zu Wahlzeiten glücklich zu machen, darüber aber, nur unbeholfener Weise, unser langfristiges Wohl vergessen, das sie sicherlich auch wünschen.“

Wenn es also selbst die Dümmsten bis an die Spitze unserer Politik schafften und Sie sich für klüger halten, warum machen Sie sich dann nicht schleunigst auf den Weg? Diese im politischen Kabarett sehr populäre Erklärungstheorie ist also einfach nur lachhaft. Aber darin sieht der Großteil auch des politischen Kabaretts ja leider immer noch sein Hauptanliegen: Das Publikum einen Abend lang zum Lachen zu bringen, womit ich nicht in Abrede stellen will, dass es unter den politischen Kabarettisten auch wesentlich intelligentere Konzepte gibt, wie beispielsweise das von Georg Schramm.

Verschwörungstheoretikern sind solche Erklärungen zu trivial. Sie sind auf der Suche nach realistischeren, plausibleren Erklärungen und Fakten. Die ganze Geschichte, auch die ganze Mythologie ist voll von Geschichten der Bemühungen des Kampfes um die Macht, um immer mehr Macht. Und Macht wird in den seltensten Fällen durch das Schicksal geschenkt, sondern ist fast immer das Ergebnis von Organisation. Organisation ist Macht. Die Sozialwissenschaften wissen: Zu einem höheren Grad organisierte Gruppen sind mächtiger als Gruppen, die einen niedrigeren Grad an Organisation vorweisen. Und Organisation ist konstruktive Arbeit, sie funktioniert nicht ohne gründliche Planung, nicht ohne einen Plan. Und ein Plan zur gierigen Ausweitung von Macht, zu Lasten der praktischen Freiheit Anderer, und praktische Freiheit ist genau das, was Macht ist, ein solcher Plan zur gierigen Ausweitung von Macht ist das, wofür es den Begriff „Verschwörung“ gibt.

Liegen diese Verschwörungstheoretiker also so verkehrt, wenn sie davon ausgehen, dass das, was in der Menschheitsgeschichte mit den teils verheerendsten Folgen immer wieder geschah, sicherlich auch heute irgendwo geschieht, bereits wieder am Werden ist? Und liegen sie nicht damit richtig, dass es wichtig ist, auf der Hut zu sein, wachsam zu sein gegenüber solchen Bestrebungen, damit es uns nicht ergeht, wie unser großer Johann Wolfgang von Goethe einmal sagte, „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“ Kein Schachspieler wurde jemals Schachweltmeister ohne die Befähigung, Pläne des Gegenspielers frühzeitig zu erkennen und somit wirksamere Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Und ist die britische Königin eine sogenannte „Verschwörungstheoretikerin“, weil in ihrem Hauswappen steht „The Evil is Always There“? Was sollte dazu geführt haben, dass der Mensch als Mensch sich grundlegend geändert hat? Die historischen Zeugnisse von Inquisition, Hexenverfolgung und missionarischer Landnahme beweisen: Nicht einmal Jesus Christus hat dieses vollbracht, auch nur für seine eigene Kirche!

Wer sich verweigert, die zahlreichen Zeugnisse der Geschichtsschreibung zur Kenntnis zu nehmen, über den muss man sich doch aus höchst objektiven Gründen fragen dürfen, ob dieser Mensch nicht offenbar einer ganz bestimmten Wahrnehmungsstörung unterliegt. Und wer die Geschichtsschreibung verstandesmäßig absorbiert, aber den Schluss nicht zulässt, dass entsprechende Machtergreifungsbestrebungen sicherlich auch heute so ablaufen, bei einem solchen Menschen muss doch mit gleicher Legitimität eine mindestens leichte psychologische Störung im Sinne systematischer Wahrheitsverdrängung vermutet werden.

Das Problem ist nur, dass ich gerade nicht über die aus gesellschaftlicher Sicht „Unnormalen“ spreche, sondern über ihre Antimenge, jedenfalls deren größten Teil, wenn man von den Kleinstgruppen von Verschwörungsverheimlichern, d.h. den Verschwörern und ihren direkten Gefolgsleuten selbst, und den Verschwörungshysterikern, die ihre Verschwörungsmodelle gerne ins Irreale oder zumindest Unwahrscheinlichste hinein expandieren, einmal absieht. Es geht eben gerade nicht um die Verschwörungstheoretiker, sondern um die, für die ich endlich, der sprachlichen Gerechtigkeit wegen, einen eigenen Begriff vorschlagen möchte: die „Verschwörungsverleugner“.


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