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Kurzgedanken aus einem (noch?) Mittelschicht Leben: Es zählt nicht nur, was man verdient!

02.09.11 | von Knut Karnann [mail] | Kategorien: Nicht kategorisiert

Mittelschicht-Lebensstandard ist nicht nur ausreichendes Einkommen, das begreife ich diese Monate immer mehr. Es ist auch genügend Zeit.

Mein letztes Hobby dieser Blog, ging dieses Jahr auch noch total unter.

De facto, viel zu viele wollen das immer noch nicht wahr haben, hat man uns gemäß Kaufkraft-Äquivalent in den letzten 20 Jahren die Gehälter ungefähr halbiert. Für eine Familie, ja oft selbst für 2-Personen-Haushalte reicht es nicht mehr, dass eine Person alleine durch Arbeitseinkommen die Familie ernährt, selbst bei heute als "gut" geltenden Arbeitseinkommen am oberen Rand der Tariftabellen.

Die private Arbeit in Haushalt und Lebensorganisation jedoch wurde kaum rationalisiert, im Gegenteil bei immer mehr Produkten werden bisherige Serviceleistungen an die Kunden ausgelagert, so dass man für viele Dienstleistungsunternehmen selbst zum Prozesstreiber wird. Für unzählige Service-Hotline-Anrufe wird dann auch noch über die Telefonrechnung abkassiert.

Wenn früher zur Hälfte Berufstätigkeit und Privatarbeit (z.B. im Haushalt) zu erledigen war, so ist heute das doppelte (und oft wegen der gleichzeitig erfolgten Arbeitsverdichtung in den Unternehmen sogar mehr) an beruflicher Arbeitstätigkeit zu leisten und das gleiche an Privatarbeit. Wir Mittelschichtangehörige arbeiten damit mindestens 50% mehr als unsere Eltern vor 20-40 Jahren und das war früher ungefähr genau der Freizeitanteil an der Lebenszeit.

Diese Zeit fehlt immer mehr Menschen bei Freizeit, Regeneration und freier Gestaltung wenigstens eines gewissen Rests an Lebenszeit.

Sicher, wenn man extrem gutes Arbeitseinkommen hat, dann lässt sich Privatarbeit delegieren an Haushaltshilfen, Tagesmütter usw. Die Belastung von Menschen, die alleine oder beide Vollzeit berufstätig sind, ist also keineswegs gleich. Was für eine Farce, wenn der wohlverdienende Abteilungsleiter zu seinen Überstunden geplagten Leuten um 19 Uhr abends sagt: "Na, wie Sie sehen bin ich ja auch noch hier am Arbeiten und ich jammere ja auch nicht!"

Es ist für die meisten Doppelverdiener eben heute auch keineswegs so, wie früher der Fall, dass das gemeinsame Einkommen Rücklagen bildet, um sich dafür später eine Auszeit am Stück zu sichern und sei es als vorgezogener Ruhestand, als Ersatz der laufend verlorenen privaten Lebenszeit. Das Geld reicht selbst mit zwei Einkommen oft nur gerade so und verbraucht sich mindestens genauso schnell wie es hereinkommt, manchmal sogar schneller.

Doch ein Leben, bei dem keine Restzeit zur freien Gestaltung und Regeneration mehr bleibt ist in Wahrheit ein Sklavenleben, kein Mittelschicht-Leben. Den Mittelschicht Lebensstandard sollte man also nicht nur in Einkommen oder Geld berechnen.

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